Von Anton J. Weinberger

Lachsrosa schimmernd windet sich die Bougainvillea über den basaltgrauen Stein – die blühende Einladung, einen Blick hinter die Mauer zu wagen, die jeden Garten auf Madeira umgibt. Zwischen den Blumenbeeten rekelt sich eine Katze in der Mittagssonne. Eine Fontäne versprüht kühlende Frische. Mannshohe Bananenstauden und Avocadobäume umfassen das Geviert. Vom Trubel der Estrada Monumental, Funchals Hauptstraße, ist hier wenig zu spüren.

Die "Alegretes" genannten Gärten zeugen von einem in weiten Schichten der Bevölkerung verbreiteten Sinn für das Schöne. "Ein Haus ohne Garten, das ist für uns wie ein Stall!" so sagt man auf Madeira. Wenig größer als der Stadtstaat Hamburg, beherbergt der Archipel die botanischen Raritäten Asiens und Afrikas, Lateinamerikas und Australiens.

Hinter den Mauern aus Vulkangestein verbirgt sich ein kaum bekanntes Stück Geschichte europäischer Gartenkunst. Die Gärten im "Garten" Madeira, das sind neben den einheimischen "Alegretes" barocke Anlagen, englische Landschaftsparks und italienische Renaissancegärten. Sie sind vorwiegend auf den großen Landgütern, den Quintas, zu finden, die vor allem während des 19. Jahrhunderts errichtet wurden.

Spaziert man die Estrada Monumental entlang, die nach Westen aus Funchal, der Hauptstadt Madeiras, hinausführt, vorbei an der verkehrsreichen Praça do Infante und dem Denkmal Heinrich des Seefahrers, den zahlreichen Stadtvillen, Quintas und den für Madeira typischen weißgekalkten Häusern, wird offenbar: Kein Haus, keine Villa ist ohne Garten.

Die kleinen Innenhofgärten sind schlicht: Meist bestehen sie aus zwei bis vier runden oder ovalen Beeten, die von Buchs umrandet und symmetrisch angeordnet sind. In ihrer Mitte schützt ein Seidenwollbaum oder eine Magnolie die Fuchsien und Begonien vor zuviel Sonne. Den Schritt des Besuchers lenken unmerklich die geometrischen Steinteppiche zum Wohnhaus. Die am Strand oder am Fluß gesammelten Steine sind zu Kreisen, Halbmonden oder Knotenornamenten zusammengefügt. Bisweilen tritt eine der Figuren grell leuchtend hervor, aus weißem Kalkstein geformt.