Xenon ("das Fremde") weckte in den letzten drei Jahren das Interesse der Geophysiker, weil es die "Asche", das Endprodukt einiger exotischer radioaktiver Zerfallsreihen ist. Als erste Wissenschaftler erkannten Claude Allegre und seine Kollegen vom Geophysikalischen Institut in Paris, daß aus dem Mengenverhältnis bestimmter Xenon-Isotopen faszinierende Einblicke in die früheste Erdgeschichte möglich sein könnten: Xenon-129 entsteht beim Zerfall des radioaktiven Elements Jod-129 (Halbwertszeit: 17 Millionen Jahre); Xenon-136 ist dagegen das Zerfallsprodukt von Plutonium-244 (Halbwertszeit: 82 Millionen Jahre). Keines der beiden Xenon-Isotope ist freilich, wie Allegre bemerkte, in nennenswerten Mengen in der Luft zu finden – ganz im Gegensatz zu Xenon-Sorten, die nicht aus dem Zerfall von Tod oder Plutonium stammen.

Allegre schloß aus seiner Beobachtung, daß die irdische Atmosphäre sehr bald nach der Entstehung der Erde aus dem noch heißen Gestein der Planetenoberfläche entwichen sein mußte – also bevor nennenswerte Mengen Jod-129 oder Plutonium-244 zerfallen und ihre jeweilige Xenon-"Asche" in die Luft gelangen konnte (beide radioaktive Isotopen sind längst vollständig zerfallen). Andererseits ist aber eben diese Xenon-"Asche" im Gestein des tieferen Erdmantels und des Erdkerns enthalten; da das Gestein des tiefen Erdmantels an bestimmten Stellen, entlang der mittelozeanischen Rücken (etwa auf Island), bis an die Erdoberfläche emporquillt, kann es untersucht werden. Aus den unterschiedlichen Analysenergebnissen folgerte Allegre, daß sich die Lufthülle sehr früh und nur aus Oberflächengestein gebildet haben mußte.

Damit freilich lud sich der französische Geophysiker ein neues, noch schwierigeres Problem auf: Wie konnte die urtümliche Erde ihre Lufthülle so schnell bilden?

Hier kommen nun Frank Podosek und seine Kollegen, zu Hilfe. Sie schlagen eine andere Geburtsgeschichte der Erde vor, basierend auf der Zusammensetzung des Xenons aus dem Bohrloch in New Mexico. Und bei dieser Genesis spielt das Zeitproblem des Claude Allegre keine Rolle.

Das Edelgas aus dem Bohrloch enthält im Vergleich zu Xenon aus der Luft oder aus dem Gestein des oberen Erdmantels sehr viel Xenon-129, aber vergleichsweise wenig Xenon-136. Podoseks Team kann sich den Unterschied nur so erklären: Das Bohrloch-Xenon stammt, wie auch das Edelgas in der aufquellenden Lava entlang der mittelozeanischen Rücken, aus einer früheren Phase der Erdgeschichte als das Xenon in der Luft und im Gestein des oberen Erdmantels.

Den Xenon-Spuren entsprechend skizziert die amerikanisch-japanische Forschergruppe folgende neue Entstehungsgeschichte der Erde:

Erstens bildete sich der heutige Erdkern aus einem Schwarm kleinerer Himmelskörper. Diese um die junge Sonne kreisenden "Planetisimale" waren wahrscheinlich so groß wie die heutigen Asteroiden zwischen Mars und Jupiter. Immer neue Kollisionen ließen mit der Zeit einen größeren Himmelskörper entstehen, den Vorläufer des heutigen Erdkerns. In ihm war auch eine Fülle radioaktiver Substanzen enthalten, deren Zerfallsprodukte bis heute nicht entweichen konnten – zum Beispiel das Xenon-129 und -136.