Von Marie-Luise Heusmann

Die Vorbereitungen liefen unter strengster Geheimhaltung. Bis zuletzt kannte die Konkurrenz weder Titel noch Termin. Am 19. Juni war es dann soweit: Die Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH und der Perimed Verlag Dr. Dietmar Straube baten zu einem Empfang in die Gutsschänke Neuhof bei Frankfurt, um ihr gemeinsames Kind, eine Tageszeitung für Ärzte, der Öffentlichkeit vorzustellen. Die Konkurrenz gibt sich betont gelassen. "Es ist nichts passiert, was uns aufhält, unser Projekt zu machen", reagiert Jochen Aumiller auf das Ereignis.

Aumiller ist Geschäftsführer der MMV Münchner Medizin-Verlag GmbH, einer Tochter der Verlagsgruppe Bertelsmann. Gemeinsam mit dem Mediengiganten aus Gütersloh bastelt er an einer Nullnummer für Die Tägliche – Zeitung für den Arzt. Die Münchner wollen – wie die Frankfurter auch – ihr Blatt mit einer Auflage von 50 000 Stück endgültig im Herbst starten. Dann tummeln sich gleich vier täglich erscheinende Ärzteblätter auf dem Markt. Schon heute produziert die Ärztezeitung Verlagsgesellschaft in Neu-Isenburg Tag für Tag zwei solcher Gazetten. Dieses "hektische Brustschwimmen" findet der Kress-Report, ein Branchendienst für das Mediengewerbe, "nicht mehr die Spur von witzig".

Zu Späßen sind die Verlage auch nicht aufgelegt. Dazu ist die Sache viel zu ernst: Immerhin geht es um über 200 Millionen Mark. So viel nämlich ist es der pharmazeutischen Industrie pro Jahr wert, ihre Werbebotschaft über Fachzeitschriften an den Arzt zu bringen. Das Heilmittelwerbegesetz, das die Werbung für rezeptpflichtige Medikamente nur in der Fachöffentlichkeit erlaubt, bescherte den medizinischen Zeitschriften in den vergangenen zwanzig Jahren goldene Zeiten.

Kein Wunder, daß der Markt bei derlei Aussichten immer neue Blüten trieb. Neben wissenschaftliche Periodika gesellten sich auch Kuriosa wie ein Ärztliches Reise- und Kulturjournal, das dem Arzt die Pharmawerbung mit exotischen Reiseberichten schmackhaft macht. "Viele haben sich in den Siebzigern dumm und dämlich verdient", urteilt Michael Urban, Inhaber des Münchner Verlagshauses Urban & Schwarzenberg, über die Branche. Da war schon mal von Umsatzrenditen bis zu fünfzig Prozent die Rede.

Solchen Summen können auch Medienriesen wie Bertelsmann und FAZ nicht widerstehen. Immerhin hat die erste Tageszeitung für Ärzte bewiesen, daß trotz der Konkurrenz von mittlerweile 350 bis 400 Zeitschriften für Mediziner noch etwas zu holen ist: Die Ärztezeitung macht knapp drei Jahre nach ihrem ersten Erscheinen ein dickes Anzeigengeschäft.

Die Idee hatte Klaus Rehnig. Der geschäftsführende Gesellschafter der Ärztezeitung Verlagsgesellschaft in Neu-Isenburg meinte Anfang der achtziger Jahre, nur eine Tageszeitung könne die Probleme der Fachpublikationen lösen. Denn diesen Spezialistenblättern lief die Publikumspresse mit ihren aktuellen Meldungen grundsätzlich den Rang ab. Ein Blick über die Grenze bestätigte seine Vermutung: le quotidien du medicin, seit fünfzehn Jahren auf dem französischen Markt, sichert sich dort zusammen mit vier anderen täglich oder zweimal wöchentlich erscheinenden Blättern zwei Drittel des Werbekuchens. Rehnigs Rechnung scheint auch hierzulande aufzugehen: Die Ärztezeitung erreichte mit ihrer 55köpfigen Mannschaft seit ihrem Erscheinen im Oktober 1982 nach eigenen Angaben neun Prozent am Anzeigenmarkt. "Wir haben", so Rehnig, mittlerweile sechzig Prozent der niedergelassenen Ärzte erreicht."