"Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt", dies haben jene Abiturienten erfahren, die in diesem Jahr über den Worten des Philosophen Ludwig Wittgensteins für die Reifeprüfung brüteten. Das bayerische Kultusministerium jedenfalls machte seine Worte zu einem Thema für den Deutschaufsatz. Im Freistaat schwimmt man auch auf der neuen deutschen Welle mit: "Heimat" hieß ein anderes Thema für den Leistungskurs (Schreibzeit: 300 Minuten). Mit Beispielen aus der deutschen Literatur nach 1945 sollte der Prüfling zeigen, wie der "lang verpönte Begriff sich allmählich vorbereitete".

Neben der Analyse des Herkömmlichen, klassischer Dramen, zeitgenössischer Erzählungen sowie alter und neuer Gedichte, präsentieren die Bayern ihren Gymnasiasten ein anderes, ebenfalls wiederentdecktes Erfolgsgenre: das Volksmärchen in Gestalt der Grimmschen "Sieben Raben". "Märchenhafte Stoffe finden gegenwärtig ein sehr breites Publikum. Versuchen Sie diese Erscheinung zu erklären."

Poesie auch für die Grundkursler (Schreibzeit: 240 Minuten): Rainer Maria Rilke: "Ich fürchte mich so vor der Menschen Wort. Sie sprechen alles so deutlich aus .. .", sowie Horst Bienek mit "Sagen Schweigen Sagen." "Wenn wir alles gesagt haben werden, wird immer noch etwas zu sagen sein", mag auch der Schüler gedacht haben, der die "Kernaussagen" der beiden Gedichte erarbeiten sollte.

Textanalysen beliebter Klassiker dominieren auch in den nördlichen Regionen: Viel Nathan, viel Emilia, Kabale und Liebe und natürlich die Räuber. Ohne Textstellen wird auch dort kaum ein Schüler der Einsamkeit des Schreibens überlassen. Wie sollte er (in Berlin) auch sonst über das Verhältnis von Revolution und Aufklärung nachdenken und dabei J. B. Erhards Schrift "Über das Recht des Bürgers auf eine Revolution" (1795) mit Kants Abhandlung "Was ist Aufklärung?" (1784) vergleichen?

"Was nützt die Güte?" wird sich manch Hamburger Freiheit gefragt haben – auch wenn er die Freiheit hatte, mit einer "ersten beginnen. auf das Gedicht" von Brecht zu beginnen.

Das "Musterländle" machte seinem Namen alle Ehre mit einem Thema über die Ordnung. Zu einem Text von Friedrich Bollnow über "Die Ordnung als Mutterturienten sollten sich die schwäbischen Abiturienten mit dem Ordnungsbegriff auseinandersetzen – "auch im Hinblick auf die Pro-Auch die er möglicherweise in sich birgt". Auch hier analytische Versuche anhand von Klassik (Faust, Don Carlos) und Zeitgenössischem – von Literaten (Christa Wolf) und von Journalisten, deren heimische in Bayern unter "nicht poetischen Texten" firmieren. Dort ließ man die heimische Süddeutsche Zeitung zu Ehren kommen mit einem Artikel "Abschied vom Buchhändler?" – Was heißt das für das "literarische Leben".

Baden-Württemberg blätterte in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung: "Allgemeinbildung als Werkzeug der Verständigung". Den Schwaben war auch der Artikel eines ZEIT-Kollegen gut, der sich mit dem "Rückgang der Schriftsprachlichkeit und den tragischen Konsequenzen für Briefträger" befaßt hatte. "Wie beurteilen Sie Darstellungsweise und mögliche Wirkungen dieses Textes?" Wie auch immer. Einmal im Jahr in einer Reihe mit Goethe – das ehrt die Zunft. D. H.