Von Cordt Schnibben

Still ist der Alte aus dem Dickicht getreten und hat sich wortlos an die Spitze unserer Gruppe gesetzt. Seine flinken Füße wirbeln fortan den hinter ihm gehenden Major gelbbraune Lehmspritzer an die grüne Uniformhose. In der Hand trägt der Alte eine Armbrust, auf dem Rücken baumelt ein großer Köcher mit Pfeilen. Sein nackter Hintern schimmert bronzen.

Als der Pfad immer steiler und glitschiger wird, hebt er die Hand, verschwindet kurz im Gehölz, kommt mit einem Bündel angespitzter Bambusspeere zurück und verteilt sie an uns. Mit einem der Stöcke tippt er an meine Brust und fragt: "Avez vous une cigarette?" Früher, vor 1954, hat er französische Söldner durch den Dschungel geführt, danach die Partisanen der Nationalen Befreiungsfront und nun – ungefragt, aber wie selbstverständlich – mich und meine vietnamesischen Begleiter. Wir marschieren entlang der kambodschanischen Grenze, von Loc Ninh Richtung Norden – auf dem Ho-Tschi-Minh-Pfad, dem längsten, dem verhaßtesten und dem glorifiziertesten Pfad der Welt. Zehn Jahre nach dem Sieg über die Amerikaner und einige Wochen nach der Siegesparade in Ho-Tschi-Minh-Stadt (dem früheren Saigon), die aller Welt noch einmal den Triumph vor Augen führen sollte, dürfen Journalisten aus dem Westen den Spuren des Krieges und des Sieges nachgehen, Generälen in die Karten gucken, Partisanen ausfragen.

Glaubt man dem einstigen amerikanischen Präsidenten Richard Nixon, dann war dieser schlammige Weg, auf, dem wir entlangschlittern, die Wunderwaffe, welche die Führungsmacht des Westens im längsten Krieg ihrer Geschichte schließlich in die Knie gehen ließ. Major Vo Kim Cuong, dessen Hosenbeine inzwischen mehr braun als grün sind, hört solches Lob gern, denn der Pfad ist ein Unternehmen seiner Familie: Sein Vater, der nordvietnamesische Brigadegeneral Vo Bam, war der Erfinder dieses Wunderweges, und er der Ingenieur, der schwierige Brücken, geschickte Tarnkonstruktionen und komplizierte Dschungelpassagen baute.

Bereits Anfang 1959, so erzählt Major Vo, als wir in einer halb unter der Erde liegenden Grabenhütte rasten, habe das nordvietnamesische Politbüro in Hanoi beschlossen, eine militärische Versorgungslinie vom kommunistischen Norden in den von Amerikanern beschützten Süden aufzubauen, um den Revolutionären Waffen zukommen und Soldaten einsickern zu lassen, zumeist im Süden beheimatete Vietminh, die sich 1954, nach dem Waffenstillstand und der Teilung des Landes, in den Norden abgesetzt hatten. Zu dieser Zeit hatten die Kommunisten die Hoffnung aufgeben müssen, durch politische Aktionen doch noch zu den im Genfer Abkommen von 1954 vorgeschlagenen allgemeinen Wahlen in ganz Vietnam zu gelangen. Immer mehr Kommunisten und andere Oppositionelle fielen den Säuberungsaktionen des Diem-Regimes in Saigon zum Opfer (vergl. die Zeittafel auf Seite 11).

Fünfhundert Soldaten begannen, zunächst von Vinh bis zum Fluß Ben Hai (siehe Karte Seite 11) in der Nähe des 17. Breitengrades, der den Norden vom Süden trennte, den Pfad anzulegen und trieben ihn Stück um Stück voran, immer tiefer in den südlichen Teil hinein. Anfang 1961 hatten die Waffentransporte bereits einen solchen Umfang angenommen, daß es zu riskant war, sie weiterhin durch das von südvietnamesischen Truppen stark bewachte Gebiet südlich des 17. Breitengrades zu schleusen. General Vo Bam entschied, auf die westliche Seite des mächtigen Truong-son-Gebirges auszuweichen, den Ho-Tschi-Minh-Pfad also auf laotischem Gebiet fortzuführen. Kommunistische Pathet-Lao-Rebellen im Königreich Laos hatten einen achtzig Kilometer breiten Korridor für den nordvietnamesischen Verbündeten freigemacht. Bergstämme entlang des Pfades wurden mit Lebensmitteln und Kleidung versorgt und so zu Komplizen der Waffenträger gemacht.

Selbst zwei Zentner schwere Kanonenrohre wanderten auf Schultern in den Süden, schwerere Teile auf, Fahrrädern (Marke "Favorit" aus der Tschechoslowakei) oder auf Elefanten. Das Heer der Träger war bis Anfang 1963 auf zehntausend angewachsen, der Pfad reichte inzwischen bis Loc Ninh, bis dort, wo wir marschieren.