Ich habe die Hexe gesehen – Seite 1

Hannover, im Juni

Wenn die polnische Presse über Revisionismus und Revanchismus in der Bundesrepublik schreibt, meinen einige Polen, das genaue Gegenteil sei der Fall: Die kommunistische Propaganda habe sich Herbert Hupka und Czaja samt ihren Schirmherren in der CDU/CSU nur ausgedacht, um die unartigen Kinder der Solidarność wie mit der bösen Hexe im Märchen zu erschrecken. "Sooft die Polen davon zu träumen beginnen, die Bürde von Jalta von ihren Schultern zu werfen, wird ihnen in Erinnerung gerufen, daß die deutsche Gefahr ante portas stehe," schreibt Jan Josef Lipski, einer der Gründer von KOR.

Ich habe den Seiltanz der Herren Albrecht und Hupka und den des Kanzlers beobachtet, ihre verbale Äquilibristik, wonach das Recht etwas anderes sagt als der Warschauer Vertrag. Die einen haben auf unsere Westgebiete verzichtet, die anderen nur auf die Anwendung von Gewalt. Die einen sagen, daß das Reich in den Grenzen von, 1937 fortbestehe; die anderen schweigen sich über die Grenzen aus und sprechen von einem näher nicht bezeichneten, fiktiven Reich ohne Grenzen. Von dieser Fiktion gehen sie, weil eine Fiktion die andere schafft, über zu einem fiktiven deutschen Schlesien heute oder in Zukunft. Vor der Wahrheit aber fürchten sie sich, oder sie wollen sie ihren Wählern nicht zumuten. Späth, Kohl, Strauß, Genscher – jeder sagt etwas anderes. Und nicht nur das. Dieselben Politiker sagen an einem Tag etwas anderes als am nächsten.

Bei der Eröffnung des Schlesiertreffens, im kleinen Kreis im Beethovensaal, erinnerte Ministerpräsident Albrecht immerhin daran, daß auch wir Polen ein Recht auf Heimat haben. Als er zwei Tage später der nationalistischen, viele tausend Menschen umfassenden Menge der Schlesier gegenüberstand, sprach er davon nicht mehr.

Die rhetorische Lieblingsfigur nahezu aller Redner in Hannover war Europa. Europa ist für sie das Mädchen für alles. Sie ergingen sich in Visionen von einem freien Europa freier Völker, in dem ein freies Schlesien freien Deutschen und freien Polen gehören werde. Auf allen Landkarten jedoch, die ich auf dem Vertriebenentreffen sah, war Schlesien in den Farben Schwarz-Rot-Gold eingezeichnet. Soll das die Flagge des freien Europa sein? Als ich Schlesierinnen in Volkstrachten erblickte, die Töpferwaren, Bücher und selbstgesponnenes Garn verkauften oder Scherenschnitte herstellten, glaubte ich, in ein Völkerkundemuseum geraten zu sein. Ruhigen Gewissens ging ich in den Film über Rübezahl. Als ich jedoch sah, daß eine andere Schlesierin Bücher verkaufte, in denen stand, daß es solange keine Gerechtigkeit geben werde, wie Schlesien nicht zu Deutschland zurückkehrte, während die andere Schlesierin mit ihrer Schere ausgerechnet Danzig, Breslau und Kattowitz aus der Landkarte ausschnitt, da begriff ich, daß es sich nicht nur um ein Museum handelte.

Als Pole fühlte ich mich in Hannover, als säße ich auf der Anklagebank. Also: Wir Polen haben die Deutschen vertrieben und ihnen alles weggenommen. Also: Wir haben geplündert, die Heimat geraubt, Häuser, Kühe und Pferde kassiert. Es fehlte nicht viel, und es hätte sich herausgestellt, daß wir die Bilder von Hans Frank gestohlen und im Krakauer Museum aufgehängt haben, und nicht umgekehrt.

Gleichzeitig jedoch wird uns versichert, daß die Deutschen Demokraten seien und wir Polen von ihnen nichts zu befürchten hätten. Wie aber sollen wir uns nicht fürchten, wo wir ihnen doch ein Drittel ihres Reiches fortnahmen, zwei Millionen Deutsche umbrachten, weitere fünf, sechs, sieben, acht, ja bis zu dreizehn Millionen Menschen verjagten, und wo so viele Verbrechen gegen die Menschlichkeit auf unserem Gewissen lasten? Wie sollen wir uns nicht fürchten, wo wir doch schuldig sind?

Ich habe die Hexe gesehen – Seite 2

Selbst wenn alle, die solcherlei sagen, so sanft wie Lämmer wären, müßte ich doch vor Scham vergehen und mich wie ein Nachtfalter in das große Feuer stürzen, das die Schlesier in der Nacht zum 17. Juni an der Grenze zur DDR entzündeten. Einen Eindruck vom Verhalten dieser Demokraten erhielt ich, als ein junger Mann ein gelbes Transparent mit der Aufschrift "Schlesien bleibt polnisch" hervorzog. Die Hexen stürzten sich mit Regenschirmen auf ihn, die Wölfe mit Stöcken, und gemeinsam schleppten sie ihn aus der Halle.

Zum Glück wird das Feuer nicht über die Grenzen dringen. Die Polen mögen vielleicht Hupka für die Hexe und Czaja für den Wolf halten. Sie mögen die Deutschen bedauern, weil auch sie infolge des Krieges, den sie selbst oder ihre Väter entfesselt nahen, großes Unglück erleiden mußten. Aber in ihrem Unterbewußtsein fühlen sie, daß sie um Danzig, Breslau und die Oder-Neiße-Grenze nicht bangen müssen, weil Polen nicht mehr allein und isoliert ist, und das ist auch in der Bundesrepublik klar.

Deshalb kann ich in aller Ruhe die Parolen der Vertriebenen samt ihren Karten betrachten, auf denen sich Deutschland vom Rhein bis nach Königsberg und Lettland erstreckt. Meine Sorge ist nicht, daß diese Randgruppe die Elbe überschreiten könnte.

Wie man sie jedoch aus der deutschen Politik verjagt und ins Museum treibt, wo sie hingehört – das ist schon ein anderes Märchen. Daniel Passent

(Übersetzt von Lisaweta von Zitzewitz)