Seit ein paar Wochen probt Christine Kaufmann eine neue Rolle. Der Regisseur Peter Zadek, von dem sich die Hamburger allen Glanz für ihr Schauspielhaus versprechen, hat sie für die Hure Julia in der "Herzogin von Malfi" engagiert, einem elisabethanischen Stück des Engländers John Webster.

Die Rolle gefällt ihr heute gar nicht. Julia wird ihr mit jedem Tag unsympathischer: "Sie gebraucht, verbraucht, verachtet Männer und Frauen, sie ist gerissen, aber überhaupt nicht klug, sie ist nur dumm und geil, und sie liebt einen Mann, der sie quält, sie liebt ihn, weil er sie quält, es geht mir so gegen den Strich: Frauen, die gerne leiden! Ich leide nicht gern, ich habe genug gelitten."

Nein, Julia hat es nicht leicht mit Christine, sie wehrt sich gegen das Entstehen dieser Figur, deren Versatzstücke sie in keinem Kästchen gelernter Repertoires findet. Und dieser "gräßlich-phantastische" Zadek, der die Spannung aus allen Winkeln zerrt, was will er von ihr? Sie bloßstellen, ihre Gefühle ausbeuten?

Auf der Bühne trägt sie einen "Käfig überm Kopf"

Redend mit Händen, Augen, Haaren entwirft sie rastlos Bilder von ihrer Arbeit hie, ihrem Leben da. Jene bändigt sie mit "Disziplin", mit "Haltung", Angst ist im Spiel und ständig die Versuchung wegzulaufen; in diesem schwelgt sie mit schöner Lust am Alltäglichen, will "lebendig und vital" sein, "ganzheitlich leben und handeln": Davon handelt ihr erstes, gerade erschienenes Buch, wissenschaftlich kenntnisreich und doch mit leichter Hand geschrieben. Fast eine Doktorarbeit der Chemie, wenn da nicht auch Witz wäre und Humor und eine bilderreiche Sprache. Das Buch ist alles andere als noch eins von diesen unsäglich-peinlichen Schönheitsideologien à la Sophia Loren.

Auf der Bühne aber, sagt Christine Kaufmann, trage sie "einen Käfig überm Kopf", und ihre wache Nervosität verlangsamt sich in seltsam schöne Reglosigkeit.

Sie hat die Schauspielerei nie gelernt, sie wurde einfach Schauspielerin, "bevor ich irgend etwas wollen konnte", als achtjährige, vor 32 Jahren also. "Ich spiele nie, sondern hole bestenfalls Gefühle aus alle Ecken, irgendwelchen Erlebnissen, es ist schmerzlich, wie wenn ich mein Leben verspiele."