Der Sommer ist da, Zeit für Fahrten ins Blaue mit der Deutschen Bundesbahn. Zuerst möchte ich nach Köln, den Rhein begucken. Ich besuche das frischeröffnete Reisezentrum im Hamburger Hauptbahnhof. Über zwanzig Schalter, nicht gläsern abgeschottet, sondern offen für das Gespräch von Mensch zu Mensch. Viele farbige Prospekte über "Die neue Bahn", die seit dem 2. Juni unterwegs ist, und eine Bildschirm-Anzeige, wie ich sie sonst nur von Flughäfen kenne: "Arrival/Departure".

Ich sehe auf einen Blick: Mein Zug fährt um 10.56 Uhr. Vier Stunden braucht er. Bei einer Entfernung von 463 Kilometern finde ich das ganz schön schnell. Und jede Stunde fährt ein Zug nach Köln, immer um vier Minuten vor voll.

Im Zug begrüßt mich meine "IC-Betreuerin". Sie trägt eine rote Uniform, eine blaue Dienstmütze und schwarze Stöckelschuhe.

"Wissen Sie", fragt sie mich, als ich ihr mit meinem Koffer durch die Abteile folge, "wie gut man im Zug vertrauliche Besprechungen führen kann? Oder ein entspannendes Abendessen genießen? Oder seinem Reiseziel entgegenträumen Ich bin hingerissen. Sie führt mich zu einem Fensterplatz. Ich sitze, sie serviert mir einen Welcome-Drink. Sie zwinkert: "Wenn Sie mit dem Intercity fahren, weil Sie reisen möchten, und nicht, weil Sie reisen müssen" – ich nicke –, "dann werden Sie die kurzen Fahrzeiten vielleicht sogar bedauern." – "Na, na!" tadele ich sie im Scherz. Sie verabschiedet sich, um einen anderen Fahrgast zu bewirten. Heiter trinke ich meinen Weißwein.

Zurück aus Köln: Nun will ich vom Westen Schleswig-Holsteins an die Ostküste. Anruf beim Reisebüro. "Von Heide nach Lübeck?" vergewissert sich die freundliche Stimme. Sie bleibt minutenlang stumm. "Ich bin noch da", sagt sie dann, "aber das ist eine ganz dumme Verbindung. Sie fahren um 7.08 Uhr in Heide los und sind um 8.42 Uhr in Neumünster. Dort geht es um 11.38 Uhr weiter mit dem Bus nach Bad Oldesloe, Ankunft 13.12 Uhr. Von dort fährt der Zug um 13.40 Uhr, Sie sind um 14.00 Uhr in Lübeck." – "Das sind ja sieben Stunden!" rufe ich. "Wie viele Kilometer sind das denn?" – "Oh", sagt sie, "134."

Ich bin entsetzt. Um mich aufzumuntern, nennt sie mir eine schnellere Verbindung – "wenn Sie etwas früher aufstehen wollen?" – "Wann denn?" – "Sie starten um 5.44 Uhr in Heide, sind um 7.14 Uhr in Neumünster. 7.35 Uhr von dort mit dem Bus nach Bad Segeberg, Ankunft 8.25 Uhr. Dann – wieder mit dem Bus – 8.57 Uhr nach Bad Oldesloe, an 9.11 Uhr. Von dort 9.40 Uhr mit dem Zug, 10.00 Uhr in Lübeck."

Ich entscheide mich für die vierstündige Frühfahrt durch das Land zwischen den Meeren. Im Schienenbus von Heide nach Neumünster läßt sich die Heizung nicht abstellen, aber morgens ist es ja auch kühl. Ich sitze am Fenster und halte mir die Ohren zu. Unbehelligt vom Donnern der Maschine träume ich meinem Reiseziel entgegen.