Von Peter Schneider

An dem Tag, da ich zur längsten Flugreise meines Lebens aufbrach, streikten die Piloten der PAN AM. Am Flughafenschalter in Tegel tobte ein Kleinkrieg um die vorderen Plätze auf der Warteliste, den die Passagiere gegeneinander führten, indem sie einander die Namen europäischer Metropolen entgegenschleuderten – wer einen Anschlußflug nach Mailand oder Brüssel gebucht hatte, glaubte Anspruch auf Vortritt zu haben. In diesem Wettkampf um den entlegensten Zielflughafen standen Hans Christoph Buch und ich mit unserem Ruf "Peking, Peking!" konkurrenzlos da. Aber der Mann am Schalter machte uns klar, daß vor PAN AM alle Reisenden gleich sind, es sei denn, sie hätten erster Klasse gebucht. So kam es, daß wir den Anschlußflug nach Zürich verpaßten und in Frankfurt vor einem Schalter der Chinese Airlines um Einlaß baten.

Ein Blick auf die Schlange der Mitreisenden zeigte, daß offenbar nur Streik oder ähnliches Unglück einen europäischen Fluggast dazu bewegt, sich einem chinesischen Piloten anzuvertrauen: Hans Christoph Buch und ich waren die einzigen Bleichgesichter unter lauter sandfarbenen, die uns diskret und ein wenig verwundert betrachteten. Die Maschine war groß und bequem, und meine Befürchtung, der Abstand zwischen den Sitzreihen würde nur chinesischen Beinen gerecht, erwies sich als unbegründet. Man hatte uns Plätze im geräumigeren hinteren Teil der Maschine zugewiesen, und um mich herum sah ich zahlreiche leere Sitze, die eine Nacht im Liegen versprachen.

Wenige Minuten nach dem Start wurde ich aus meinem Dämmerzustand durch eine kaum hörbare, aber massenhafte Bewegung um mich herum geweckt. Aus halbgeöffneten Augen nahm ich wahr, daß sich sämtliche freien Plätze der hinteren Sitzreihen mit den Körpern meist blaubejackter Mitreisender füllten, die jeden zum Sitzen, Kauern oder Liegen verfügbaren Zentimeter in Beschlag nahmen. Die Zeitungen, mit denen ich vorsorglich die Plätze links und rechts von mir belegt hatte, waren lautlos weggeräumt worden und hatten zwei Nachbarn Platz gemacht, die mich nun freundlich und ein wenig mitleidig anlächelten.

Einem Business-Class-Reflex nachgebend versuchte ich, wenigstens den Platz auf den Armlehnen zu sichern. Die Wirkung war erstaunlich: ohne mich je zu berühren, wichen die Ellbogen meiner Nebenmänner millimetergenau zurück, als wären sie die Schatten meiner Ellbogen. Dabei gaben sie keinen Augenblick lang den Anspruch auf die Armlehnen auf; jeder Zentimeter, den ich preisgab, wurde sogleich wieder besetzt. Dasselbe Ergebnis hatte der stumme Kampf um die Beinfreiheit. Beide Nachbarn zogen ihre Beine unmerklich an sich, als ich zu einer Grätschstellung ausholte – es gab nicht die geringste Reiberei. Aber kaum schlug ich, von der Stellung ermüdet, das eine Bein über das andere, schob sich sofort ein chinesisches Bein in den herrenlosen Raum vor.

Diese Technik millimetergenauer Raumausnutzung bei gleichzeitiger Wahrung des Abstands, den man in Europa den Schamabstand nennt, beherrschten meine Nachbarn buchstäblich im Schlaf: die ganze Nacht lang kam es zu keiner Berührung. In dem Dämmerzustand, in dem ich dies alles wahrnahm, entstand das Bild von einem Volk, in dem jeder Einzelne darin geübt ist, höflich aber unerbittlich jeden freien Platz zu besetzen.

Dieses Bild hat mich durch die vier Wochen unserer Reise durch China begleitet. Es stellte sich ein, als ich in Peking durch die Straßen der Altstadt streifte, in denen die zum Trocknen ausgehängte Wäsche die Fassaden der Häuser unsichtbar macht. Kein Balkon, kein Fenster, kein Baugerüst, kein Geländer, kein Balken, Stock oder Ast, der nicht zum Wäscheständer würde – der Verpackungswahn eines Christo wirkt bescheiden neben dem Ausstellungszwang der Chinesen, die mit ihrer Wäsche ganze Stadtteile verhüllen und in ein luftiges Gebilde aus Stoffteilen verwandeln.