Manche nennen ihn ein postmodernes Schneckenhaus. Der Rucksack in seinen neuen, bunten Nylonformen verbreitet sich im Weichbild der westlichen Städte. Schon werden im Flugzeug, gar auf Managertagungen die ersten Geschäftsmänner gesichtet, die statt Samsonite-Seriosität das mobile Markenzeichen auf dem Rücken und über dem legeren Sakko tragen.

Es geht um Mobilität. Nicht mehr um jene des Wanderburschen, dessen einzig Hab und Gut in einer Kiepe steckte, nicht um die des Infanteristen, der freie Hände aus beruflichen Gründen brauchte und braucht, nicht um die des Knickerbocker-Wanderers, der mit dem Rucksack die Berge hochastete, weil es mit schiefem Gepäck eben nicht geht. Der Rucksack unserer Tage bezieht sein Flair aus einem modischen, urbanen Gestus: Wir sind auf der Straße, haben Lust in der Unrast, am Flüchtigen, am Sichzeigen und Gesehenwerden.

Die neuen Rucksäcke sind, anders als noch vor zehn Jahren, nicht prall gefüllt mit praktisch-raffinierten Miniaturen des Uberlebens. Damals wir der Rucksack Symbol des Aussteigens. Die Geräte der Rucksack-Generation wurden mit der Zeit immer größer, schwerer und sperriger, sie gerieten zu Rückgratkoffern mit komplettem Haushak: Bett (felsenküstenfest), Bratpfanne und kleinen Klappstühlchen, mit Bibliothek (Castaneda etwa, Kerouac und später Bukowski) und geschickt gepackten Natural-Kulturbeuteln, obendrein ein Zelt aus Aluminium. So zogen sie, mit 18 Kilo auf dem Buckel, durch Europa, überschwemmten Griechenland, nächtigten südlich und in Parks und schwitzten mächtig.

Jetzt findet sich Leichtes in Rucksäcken. Sie sind zu beiläufigen Beuteln geworden, sie wirken schlapp, ihr Inhalt ist nicht mehr von Zwängen geprägt. Kämme und Glitzerschminke, ein Hemdchen und ein Handtuch für den spontanen Schwimmbadbesuch. Eine Frisbeescheibe, ein Bumerang. Ein Tagebuch, indisch, natürlich Kaigummi. Einige Zeitschriften, vielleicht Zitty und Szene, aber auch Brigitte. Die Sportschuhe, die so leicht ihr attraktives Weiß verlieren, daß man sie erst dort anziehen mag, wo der Straßenstaub nicht hingelangt. Das alles gilt für die Jugend. Die schnellen Mittdreißiger tragen dann schon einmal einen Kleincomputer auf dem Buckel.

Und nicht zuletzt hat auch die Evolution des Schulranzen zum Rucksack-Siegeszug beigetragen. Denn jene wurden zu Prototypen, bunt und leuchtfarbig – hier kombinierten die Hersteller Verkehrssicherheit mit Modefarben. Der Ranzen wurde aber auch von Jahr zu Jahr schwerer von Büchern und Lernstreß, die Bildungsreform mit ihren opulenten Atlanten, ihren anschaulichen Bio-Wälzern und feinziselierten Nebenfächern machte ihn prall und kreuzschädigend für die Kleinen. So verwandelte er sich, zunächst mit Seiten- und Zusatztaschen, immer mehr in einen Rucksack, die Orthopäden hatten nichts dagegen. Mit dem modernen Rucksack geht beides – schwere Bücher und Leichtigkeiten.

Also wird wieder hinausgezogen, wenn auch nur wenig weiter als vor die eigene Haustür, die Welt nunmehr als symbolische Accessoires auf dem Rücken – Radfahrboom und Rollschuhleidenschaften taten ein übriges, um die Stadt leichtfüßig, wie nebenbei, zu erobern. Auch der Haltung tut dies gut, sagte schon Turnvater Jahn. Brust raus, Kreuz rein – locker über die Boulevards. M. H.