Von Peter Grubbe

Im Mai 1938 verläßt der Berliner Rechtsanwaltssohn Reinhard Bendix im Alter von 22 Jahren Deutschland und wandert in die USA aus. Er ist Jude. Sein Vater, Dr. Ludwig Bendix, mußte Deutschland nach zweimaligem Aufenthalt im Konzentrationslager bereits ein Jahr vor ihm verlassen und fand Zuflucht in Palästina. Dennoch fühlt sich der Sohn, noch immer, als Deutscher: "Nach einer unbeschwerten Kindheit, in der mir mein Deutschsein ganz selbstverständlich war, ... mußte ich jetzt über meine jüdische Herkunft nachdenken.

Trotz seiner Degradierung zum Menschen zweiter Klasse durch die Presse und die Behörden im Dritten Reich – als man seinen Vater verhaftet, schließt man ihn aus dem Gymnasium aus – kann er sich mit dem Judentum, dem jüdischen Volk und dem jüdischen Staat, der damals noch Palästina hieß, nicht identifizieren. "Ich fühlte mich wie ein politischer Flüchtling", stellt er fest. Und als er Deutschland verläßt, ist er fest entschlossen, nach dem Sturz des Hitler-Regimes sofort zurückzukommen. In den USA bleibt er ein "Einwanderer", obwohl ihm seine Jugend das Einleben dort erleichtert. "Wenn ich älter gewesen wäre, hätte ich noch mehr von meiner deutschen Identität ins Exil mitgenommen."

Reinhard Bendix, heute Professor für Soziologe an der Universität Berkeley in Kalifornien, beschreibt in seinem Buch "Von Berlin nach Berkeley" nicht einfach den Leidensweg eines aus Deutschland vertriebenen jungen Juden. Ihm geht es um das deutsch-jüdische Zusammenleben bis zu Hitlers Machtergreifung, um das Heimatgefühl so vieler Juden damals in Deutschland, um die Ursachen und Auswirkungen der jüdischen Assimilierung. Deshalb beschränkt er sich auch nicht auf die Schilderung seiner eigenen Erlebnisse, sondern er verknüpft diese mit dem Schicksal und dem Verhalten seines Vaters, mit dem er sich sowohl als Sohn wie als Jude auseinandersetzt.

Ludwig Bendix, 1877 in einem westfälischen Dorf geboren, kam 1892 nach Berlin, wurde Rechtsanwalt und war jahrelang als nebenamtlicher Richter an einem Berliner Arbeitsgericht tätig. 1919 trat er aus der jüdischen Gemeinde aus, weil ihm die jüdische Religion nichts bedeutete. Er fühlte sich nicht als Jude, sondern als Deutscher. Er veröffentlichte zahlreiche Bücher und Aufsätze zu rechtspolitischen Fragen, war einer der bekanntesten Rechtskritiker der Weimarer Republik und erzog seine Kinder nicht im Geist des Judentums, sondern zu deutschen Bürgern. 1933 wurde er aus der Berliner Anwaltskammer ausgeschlossen, weil er einige Jahre vorher einen Kommunisten verteidigt hatte. Er kam zweimal ins Konzentrationslager, wurde 1937 des Landes verwiesen und wanderte nach Palästina aus. Zehn Jahre später zog er zu seinen Kindern nach Amerika.

Ludwig Bendix gehörte zu jener Schicht deutscher Juden, die nicht selten bessere deutsche Patrioten waren und mehr für Deutschland empfanden als mancher nicht-jüdische Deutsche und die selbst Hitler – für ihre "arischen" Freunde oft unbegreiflich – anfangs noch zu rechtfertigen oder wenigstens zu verteidigen suchten, weil er deutscher Reichskanzler und damit Regierungschef ihres Vaterlandes war.

Charakteristisch für diese Haltung ist ein Brief, den der aus der Anwaltskammer ausgeschlossene Jude Dr. Ludwig Bendix am 14. Juli 1935, knapp zwei Jahre nach seiner ersten Entlassung aus dem Konzentrationslager, an den Vorsteher des Polizeireviers 174 in Berlin 30 schreibt: "Gestatten Sie mir, meinen Dank dafür auszusprechen, daß Sie mir einen Polizeibeamten dafür zur Verfügung gestellt haben, in dessen Beisein ich von meinem Firmenschild am Hauseingang den Zettel mit der Judenfratze und der Umschrift ‚Wer vom Juden kauft, ist ein Volksverräter‘ habe entfernen lassen."