So einsam ist ein Mann in der Menge, daß ihn der Sehnsuchtswunsch bedrängt, die Haare einer fremden Frau zu küssen. Der Einsamkeitsschmerz des schönen Bildes schwindet in dem Satz: "Denn ich bin einsam gewesen und kenne die Lage / wenn all dein Begehren sich sammelt, / zu küssen das Haar einer Frau vor dir im Kinogestühl."

Die zerstörerische Einsamkeit, die Botho Strauß in diesem 14-Zeilen-Gedicht innerhalb seines großen "Gedichtes" ausstellt, indem er alle drei Strophen beginnt mit der Klage: "Denn ich bin einsam gewesen", wird zum beliebigen, zu kurierenden Fall von Alleinsein. Ironisch wirkt schon die Verlagerung der Einsamkeit in das Wortfeld der militärischen Lage oder in ein Mißgeschick, das von einem ökonomisch-bürokratischen Generalstabsquartier zu beheben ist.

Verlorenheit, Verlassenheit wird vollends aufgehoben durch das feierliche Kollektiv-Wort ("Kino-)Gestühl". Da erhellt sich schäbiges Halbdunkel, das dem "Begehren" schmerzliche Dringlichkeit zu geben schien. Jetzt schauen wir die Festlichkeit eines Kirchen- oder Theater-Saales, in dem wir "Gestühl" erwarten dürfen – und wo Einsamkeit ihre Selbstfeier zelebriert.

In dieser Elegie wird, wie in Rilkes "Duineser Elegien", nicht nur Unwiederbringliches betrauert, sondern einiges auch gefeiert – bei, Botho Strauß aus vollem Herzen die Freundschaft und, mit halbem Atem, die Liebe. Schlichtes Vertrauen im Anderen, wofür Strauß aus der Erinnerung kräftige Beispiele holt, wird ausgelöscht durch das manierierte Bild vom "hochkantigen Pfefferminzweiß überlaufender Wogen am Meer, mehr noch durch die angestrengte Definition von Freundschaft als "unser menschliches Zugetansein".

Die einleuchtende Wahl des Wortes zugetan, das immer Ergebenheit ausdrückt, sich aus dem Kanzleistil fortentwickelt hat zur Bestimmung eines (religiösen) Bekenntnisses, wird zerstört durch Substantivierung: Im Abstraktum gehen Nähe, Wärme verloren. Und wozu das Adjektiv? Welches "Zugetansein " ist unter Freunden denkbar wenn nicht "menschliches "?

Überhaupt fördern die über den Text gestreuten Substantivierungen bildkräftiger Verben nicht den "hohen Ton", zu dem dieses "Gedicht" sich immer wieder aufschwingt ("das Gewesene", "das Gemäß", "das Gelüst", "die Ausbleiche", "der Erhalt", "die Vernünfte", "die Verscheinung", "das Gezänge", "das Geleucht") noch das Verstehen: Was ist "die Verscheinung von Stoff und Fabrik zu reinem Geleucht" – und was ist die aus dem "Zeptergefühl" einer Pappel "aufsteigende Schar von Entgrenzungen"?

Daß auch Freundschaft wachsen, reifen muß, rühmt dieses Gedicht. Mit der ausdrucksstarken, oft zu findenden Stilfigur der Wiederholung eines Wortes am Versbeginn singt, ja: singt der Glückliche, der hier Freundinnen/Freunde bedankt: "Dies Jahr ist der Beginn/des Gewesenen, da es nun Frucht trägt./Und ich durfte mir nehmen mein Teil, soviel ich nur konnte,/Früchte, Früchte über das Maß und nie wird es enden –" und löst solchen Jubel auf in kleinlicher Definition, auch noch durch die häßliche Nominalisierung eines geziert klingenden Verbs: "Dies nun ist Darreichung ..."