Von Erika Martens

An Shakespeare fühlte sich ein Agrarexperte erinnert, als Bundeslandwirtschaftsminister Ignaz Kiechle sein Veto gegen die Senkung der EG-Getreidepreise erklärte. Sein lapidarer Kommentar: "Viel Lärm um nichts". Einer jener Landwirte, denen Kiechle Gutes hatte tun wollen, nannte das, was der Minister als "vitales, nationales Interesse" deklarierte, schlicht "Peanuts". Und hinter vorgehaltener Hand sprechen selbst Unionskollegen kopfschüttelnd von dem "50-Millionen-Spiel" des Bauernministers.

Um 50 Millionen Mark nämlich und nicht mehr geht es nach den Berechnungen von Agrarfachleuten in der Auseinandersetzung um die Getreidepreise. Eine Summe, die in den Augen vieler Kritiker des Bauernministers den politischen Flurschaden, den das Veto in Luxemburg anrichtete, keineswegs rechtfertigen kann. "Nicht einmal die betroffenen Bauern", schreibt der sozialdemokratische Agrarexperte Martin Schmidt (Gellersen), "mögen daran glauben, daß es hier um eine Existenzfrage für sie selbst geht".

Denn nur knapp zehn Prozent ihres gesamten Erlöses, etwa sechs Milliarden Mark, erzielen die deutschen Landwirte durch den Verkauf von Getreide. Eine Preissenkung um 1,8 Prozent, wie sie in Luxemburg zur Diskussion steht, würde also einer Belastung von rund 100 Millionen Mark entsprechen. Da Kiechle seinen EG-Ministerkollegen aber schon um 0,9 Prozent entgegenkommen wollte, ging es letzten Endes nur noch um runde 50 Millionen Mark.

Zwar bauen insgesamt etwa 600 000 landwirtschaftliche Betriebe im Bundesgebiet auch Getreide an. Die meisten jedoch, vor allem jene kleineren Höfe, deren Wohlergehen Ignaz Kiechle bei seinem Nein gegen die Getreidepreissenkung angeblich so besonders am Herzen lag, brauchen Weizen, Gerste, Mais oder Roggen, um es an das eigene Vieh zu verfüttern. Im Wirtschaftsjahr 1983/84 wurden von insgesamt 23 Millionen Tonnen Getreide nur 11,7 Millionen verkauft, also rund fünfzig Prozent der Ernte. Für diejenigen Landwirte, die Getreide zukaufen müssen, um ihr Vieh zu mästen, ist der Getreidepreis ein Kostenfaktor, niedrigere Preise würden sie gar entlasten.

Diejenigen aber, die Getreide verkaufen und Einkommenseinbußen hinnehmen müßten, gehören nach Ansicht von Agrarexperten im Vergleich zu ihren in anderen Sparten produzierenden deutschen Kollegen eher zu den Spitzenverdienern der Landwirtschaft. Und die Durchschnittszahlen der Statistik belegen diese These. Das Erwerbseinkommen der Getreidebauern betrug nach Angaben des Europa-Parlamentariers Klaus Wettig (SPD) im vergangenen Jahr 35 924 Mark pro Familie, während in anderen Betrieben nur ein durchschnittliches Einkommen von 24 662 Mark erzielt werden konnte. Sogenannte Veredelungsbetriebe, die von einer Getreidepreissenkung den höchsten Nutzen hätten, erwirtschafteten gar nur 17 903 Mark.

Und während Kiechle argumentiert, die Preissenkung würde vor allem zur Verdrängung von Bauern in kleinen und mittleren Betrieben führen, erklären seine Kritiker genau das Gegenteil: Die Großen und vor allem die im norddeutschen Raum und in einem kleinen Teil Bayerns seien die eigentlich Betroffenen. Die aber könnten den Verlust noch am ehesten verschmerzen, zumal sie von den 22 Milliarden Mark Steuervorteilen, die Sparkommissar Gerhard Stoltenberg den Landwirten bis 1991 gewährt, kräftig profitieren.