Köln: "Kunst der Gotik aus Böhmen – präsentiert von der Nationalgalerie Prag"

"Nach dem Kaffee wiederholter Anblick des freundlichen Gebäudes... und zuletzt Naturalien und Kunstkabinet, welches, obgleich nur im Anfang, doch manches Schätzenswertes besitzt." Goethes Marienburger Klosternotiz, wenig aussagend über das Mittelalterverständnis des Liebhabers der klassischen Antike, darf nicht darüber hinwegtäuschen, daß er dennoch "Wohlgefallen an der katholisch beglänzten Sphäre fand" (Urzidil). 1808 konzipierte er in Böhmen "Die Wahlverwandtschaften", "sein allerchristlichstes Werk" (Thomas Mann), für Ottilien stand die heilige Odilie aus der Legende Modell – "es gehört Genie zu allem, auch zum Märtyrertum" (Goethe). Noch bevor die Liebesleidende Züge einer ekstatischen Büßerin annimmt, muß sie ihnen geglichen haben, den Schönen Madonnen in ihrer manchmal etwas dunkelhäutigeren Lieblichkeit, wie um die Nähe zum Osten, zu Byzanz, aber auch Italien zu demonstrieren. Unter den 60 Exponaten gotischer Kunst des 14. bis beginnenden 16. Jahrhunderts – Tafel- und Buchmalerei, Plastik und Kunstgewerbe – gilt den Madonnenbildnissen von "lyrischer Zärtlichkeit des Ausdrucks" (Ladislav Kesner) höchste Aufmerksamkeit. "Die Muttergottes von Königsaal", eine der berühmtesten böhmischen Ikonen in tiefem, mystischem Blau auf Goldgrund, "Assumpta von Destnä" auf der Mondsichel stehend im Schutz dunkelgrünblühender Paradiesgartenlaube und "deren Inneres mehr als den Himmel umarmt", Katharina und Magdalena, nach Märtyrerqualen in schlanker Eleganz auferstanden oder in so üppig drapierten Gewändern und fast tänzerischer Pose vorgestellt, wie es das Lindenholz erlaubt – sie überzeugen uns davon, daß "Les Fastes du Gothique" nicht nur in Paris und Reims zu Hause sind. Böhmens Kunst in ihrer Eingebundenheit in die internationale Mode des italianisierenden, des Schönen Stils, ihre Verwandtschaft mit der Donauschule und der Dürerzeit, aber auch ihre frühe, noch regional eingefärbte Eigenheit in der Hofkultur der Przemysliden-Dynastie sind in der Kölner Ausstellung mit Spitzenwerken belegt. Preziosen der Goldschmiedekunst leiten über zu dem zweiten Höhepunkt der Exposition, der Buchmalerei in den zarten Schmelztönen ostasiatischen Porzellandekors für fromme Fabulierlust, gezügelt durch höfisch verfeinerten Geschmack. (Schnütgen-Museum bis zum 21. Juli 1985, Katalog 18,– DM.) Ursula Voß