Von Peter Hamm

Das Gedicht hat bei uns keine Öffentlichkeit mehr, außer es begnügt sich mit bekannten Reimchen und gemischten Gefühlchen.

Wer sich im Gedicht großen Gegenständen zuwendet, einen hohen Ton anschlägt, wer Gesang und also das große Gedicht wagt, wie es von Rilke und Saint John-Perse über Eliot, Pound und Pessoa bis zu René Char, Yves Bonnefoy oder John Ashbery auch in unserem Jahrhundert immer erneut gewagt wurde, wer sich mißt an denen, die Dichtung als den Ort begriffen, an dem das Höchste anvisiert werden soll, der hat in unserem Literaturbetrieb mit Repressalien zu rechnen; zumal wenn dieser Versuch noch ein metaphysisches Bedürfnis verrät.

Peter Handke bekam das zu spüren, er mußte sich seines "Dramatischen Gedichts – Über, die Dörfer" wegen als "Heino der Metaphysik" verhöhnen lassen, und auch "Der junge Mann" von Botho Strauß wurde, weil er die Sehnsüchte der Romantiker weiterspann und nach Höherem strebte, vom selbstzufriedenen Mittelmaß barsch zur Rede gestellt und auf den berüchtigten Boden der Tatsachen zurückverwiesen.

Um so erfreulicher, daß sich Botho Strauß davon nicht beirren ließ und jetzt ein buchfüllendes Gedicht vorlegt, "Diese Erinnerung an einen, der nur einen Tag zu Gast war", das nicht nur in einem Pascal-Motto, sondern auch bereits im Titel Metaphysisches signalisiert: "Denn die Hoffnung des Gottlosen ist wie Staub, / vom Winde zerstreut, / ... und wie Rauch, vom Winde verweht, / und wie man einen vergißt, / der einen Tag lang Gast gewesen ist" (Weisheit Salomons). Gegen dieses Vergessen, gegen die unter so vielen tönenden Namen auftretende Gottlosigkeit ist dieses Gedicht gerichtet.

Nicht von ungefähr erschien für ein so großes, heikles Thema Botho Strauß das Gedicht die adäquate literarische Form. Nirgendwo ist ja der Autor mehr Souverän und zugleich so ungeschützt wie im Gedicht. Hier muß er von sich selbst, von seinen Ängsten und Wünschen, sprechen (auch wenn er, wie Rilke oder Botho Strauß, wir sagt); er kann nicht, wie im Theater, Menschen als Beweis gegeneinander aufmarschieren lassen, sondern muß selbst den Beweis erbringen – und die ganze Beweislast trägt allein seine Sprache.

Das Gedicht baut die Distanz zwischen dem Wort und der von ihm gemeinten Sache mehr ab als Prosa, ringt doch Poesie, die den Namen verdient, immer darum, das Wort zu transzendieren. Theater und Roman kommen ohne Entfremdung, ohne die Ausbreitung jener "Gewalt der Belanglosigkeit", von der etwa "Paare, Passanten" und die Theaterstücke von Botho Strauß widerhallen, kaum aus, also auch kaum ohne Satire, Hohn, Ironie – das Gedicht aber kann Entfremdung allein kraft seiner Sprache aufheben, es darf dazu Pathos einsetzen, es darf feiern, es ist der Utopie jedenfalls um einen Hauch näher als jede andere literarische Form, es kann sich auch erlauben, nur Hauch zu sein, nur Klang.