Von Christine Knesebeck

Feiner Schnee bedeckt die Straße. Der Geländewagen hinterläßt schwarzglänzende Spuren auf dem Asphalt. Hoch über uns in den Bergen scheint fahlgelbes Morgenlicht. Zwischen Felsen und Steinwällen liegt eine Lamaherde im Schnee. "4641 Meter über dem Meeresspiegel" steht auf einem Kilometerstein, von dem wir erst mal das Eis abkratzen müssen.

Wir sind in Bolivien, kurz hinter La Paz auf einer Paßstraße, die durch die Yungas, die steilen Urwaldhänge der östlichen Anden, ninab ins Tiefland führt. Es ist Ende Juni, tiefer Winter, Regen, Schnee und Kälte sind viel zu spät dran. Ich will mit Freunden auf eine Rinderfarm ins nördliche bolivianische Tiefland, in das Gebiet des Rio Beni, dessen Wasser irgendwann im Amazonas landen.

Wir waren morgens um halb sechs aufgebrochen, mit kleinem Gepäck und großem Vorrat an Verpflegung. Jetzt, auf der Paßnöhe, ist es noch dämmerig. Die Berge sind hier oben wüst und leer. Erst ein paar hundert Meter tiefer tauchen aus wogenden Nebeln die ersten Bäume auf wie im feuchten Dunst der Urschöpfung. Je tiefer wir hinabkommen, desto grüner und üppiger wird die Natur.

Die Straße ist bald nur noch eine holprige, einspurige Erdtrasse, die sich am Abhang entlangschlängelt. Am Straßenrand tauchen ein paar Hütten auf, wir erreichen einen kleinen Ort. Indiofrauen, in warme, bunte Tücher gehüllt, verkaufen Kaffee, Tortillas, Hühnerbeine und süße Kuchen. Der Ort lebt von der Straße, jeder scheint hier zu halten. Lastwagen werden beladen, Kühlwasser nachgefüllt, Reifen gewechselt. Die Lastwagen sind meist alt und klapprig, hinter ihren Frontscheiben sind bunte Blumen, Kitschfigürchen und Madonnen, deren Segen hier auch jeder braucht, erkennbar.

Bepackt mit Gemüse und Früchten fahren die Laster aus dem fruchtbaren Tiefland hinauf in die Hochebene. Auf den stapelhohen Gemüsekisten sitzen die Fahrgäste. Eine junge Indiofrau erklimmt über die Seitenwand einen Lastwagen, thront dann inmitten ihres weiten, karminroten Rocks auf einem Berg Apfelsinen.

Ächzend, stöhnend, kochend und schwankend winden sich die überfrachteten Transporter die steile Straße hinauf, Serpentine für Serpentine. An der einen Seite die steile Bergflanke, über und über bewuchert mit Bäumen, Büschen und Farnen, auf der anderen Seite die Schlucht, vierhundert, fünfhundert Meter tief. Die Fahrgäste oben auf der Ladefläche müssen sich ducken, um nicht von dem überhängenden Geäst der Bäume gestreift zu werden. Sie werden durchgerüttelt und durchgeschüttelt, in beängstigender, schwindelnder Höhe. Am Rande der Straße ist keine Begrenzung, kein Schutz.