Der Bundeskanzler zweifelt die Aussagekraft der Arbeitslosenstatistik an. Ist Arbeitslosigkeit nur ein statistisches Phänomen?

Haben wir überhaupt Arbeitslose in der Bundesrepublik? Oder sind die Tausenden und Abertausenden, die sich jeden Tag auf den tristen Korridoren der Arbeitsämter von Flensburg bis Passau drängen, nur ein statistischer Irrtum? Hat nicht der ehemalige britische Premierminister Benjamin Disraeli schon vor über hundert Jahren gesagt: "Es gibt Lügen, infame Lügen und Statistiken"?

Nun hat sich kein geringerer als der Bundeskanzler der Sache angenommen und die Arbeitsmarktstatistik durchleuchtet. "Wir müssen auch – und es ist hohe Zeit, dazu den Mut aufzubringen – die Fragen der Zahlen diskutieren", sagte Helmut Kohl vor Unternehmern.

Was hat den Kanzler aufgeschreckt und in ihm den Verdacht aufkeimen lassen, mit der Statistik könne etwas nicht stimmen? Der Krupp-Konzern benötigte im Frühjahr rund fünzig Dreher und Fräser, die mit elektronisch gesteuerten Werkzeugmaschinen umgehen können. Das Arbeitsamt konnte damit nicht dienen und bot die Umschulung von Arbeitslosen an. Doch so lange konnte Krupp nicht warten und schloß deshalb einen Werkvertrag mit einem polnischen Außenhandelsunternehmen ab, das polnische Spezialisten für ein halbes Jahr nach Essen schickte.

Es war also ein kurzzeitiger Spitzenbedarf, ein typischer Fall für die vom Bundesarbeitsminister so favorisierten befristeten Arbeitsverträge – wenn es denn so hochqualifizierte Fachkräfte auf dem Arbeitsmarkt gäbe.

Es ist aber auch ein fast alltäglicher Fall. Die Ostblockstaaten schließen solche Werksverträge gerne ab, bringen sie ihnen doch harte Devisen in die Staatskasse. Da kommt es ihnen dann auch nicht auf ein bißchen Dumping an. Während beispielsweise die Zahl der arbeitslosen Bauarbeiter schon stieg und stieg, tummelten sich noch immer billige Baukolonnen aus der DDR und Rumänien in der Bundesrepublik und mauerten hier Wohnblocks und Behördenbauten.

Das alles hat mit der Arbeitsmarktstatistik, mit den Zahlen, wie Helmut Kohl sagt, nicht das Geringste zu tun. Sein Parteifreund Heinrich Franke, Präsident der Bundesanstalt für Arbeit, hat den Kanzler das auch verärgert wissen lassen. Er ist schließlich an das Gesetz gebunden, das die Statistik regelt. Dennoch werden die Arbeitsmarktzahlen mit solchen Argumenten, wie Helmut Kohl sie gebrauchte, immer wieder angezweifelt. Die Statistik spiegelt auch nicht die reine Wahrheit wieder; sie ist eine Momentaufnahme, die am nächsten Tag schon überholt sein kann. Die monatlichen Berichte zeigen aber die Größenordnung, die Struktur und die Tendenz der Arbeitslosigkeit auf.