Von Marlies Menge

Berlin, im Juni

Manches war vertraut, zum Beispiel der Text auf dem roten Spruchband, den ich mühsam aus dem Russischen übersetzte: "Der Sozialismus siegt!" Oft genug hatte ich diese Verheißung in Deutsch gelesen. Wer jahrelang über die DDR schreibt, für den ist eine Reise in die Sowjetunion eine Art Pilgerfahrt zur Quelle; nach Leningrad zum Winterpalais, Smolny-Institut, Peter-und-Paul-Festung, von wo die Oktoberrevolution ihren Anfang nahm, nach Moskau zum Kreml, von wo bis auf den heutigen Tag das Schicksal der DDR mitbestimmt wird.

Ich erwartete Ähnlichkeiten, äußerliche und auch solche in der Lebensweise, und zunächst fand ich meine Erwartungen bestätigt. Die gleichen monotonen Neubauviertel am Rande der Stadt wie in der DDR, das Warenangebot im prächtigen Kaufhaus Gum für westliche Betrachter ähnlich karg wie im Ostberliner Centrum-Warenhaus, auch in der Sowjetunion werden westliche Touristen auf der Straße gebeten, ihr Geld zu günstigem Kurs gegen das heimische einzutauschen. Selbst das Ostberliner "Haus des Kindes" hat sein Vorbild in Moskau, vielleicht nur ein bißchen größer, wie ja auch nur dem Moskauer Fernsehturm gestattet ist, höher zu sein als sein Bruder in Ost-Berlin; verglichen mit dem riesigen Domizil des KGB in Moskau ist die Zentrale des Staatssicherheitsdienstes in Ost-Berlin geradezu winzig.

Moskau und Leningrad erschienen mir urbaner, imposanter als zum Beispiel Ost-Berlin oder Dresden. Nirgendwo sah ich Ruinen. Die Stadtkerne wurden trotz der Neubauten am Stadtrand offenbar nicht vernachlässigt, wie das so häufig in der DDR der Fall ist. Leningrad wurde in alter Pracht wieder aufgebaut, in Moskau mischt sich Altes mit dem protzig-kalten Zuckerbäckerstil aus der Stalin-Ära.

Der Sozialismus wirkt in der Sowjetunion selbstverständlicher als in der DDR. Die Menschen scheinen selbstbewußter, vielleicht weil sie patriotischer sind. Sie lieben ihr Land, ihre Literatur (nirgendwo sonst habe ich so viele lesende Menschen gesehen; sie lesen selbst auf den Rolltreppen der Metro), sie lieben ihre Geschichte, und der Sozialismus ist ein Teil davon. Freiwillig stehen sie Stunden vor dem Lenin-Mausoleum Schlange, und wenn im Moskauer Zirkus die Kosaken hoch zu Pferde eine riesige rote Fahne mit Hammer und Sichel durch die Arena schwenken, jubelt das Publikum vor Begeisterung. Die offizielle russische Reisebegleiterin lobte die sozialistischen Errungenschaften wie ihre Kollegin in der DDR und fast mit denselben Worten: die niedrigen Mieten und Fahrpreise, das gute Schulwesen mit dem polytechnischen Unterricht, wie auch hier die Arbeit der Schüler im Betrieb genannt wird, das unentgeltliche Gesundheitswesen.

Doch beim Besuch bei Freunden wartete ich vergeblich auf Klagen über die Mängel in der Versorgung, die Wohnungsmisere, kleinliche Funktionäre, wie ich es von ähnlichen Gesprächen in der DDR gewohnt bin. Ein Mann aus Niedersachsen, der seit Jahren eine westdeutsche Firma in Moskau vertritt, bestätigte es: "Vielleicht meckern sie, wenn sie unter sich sind, aber nicht gegenüber Ausländern. ‚Störe nicht das Familienglück‘, sagt der Russe, ‚klage nicht gegenüber Dritten.‘"