ZDF, Freitag, 14. Juni: "Wandern – der Affe mit der Löwenmähne"; Beobachtungen im südindischen Regenwald, von Michael Herzog und Konrad Wothe

Zwischen Inge Meysel im Zweiten und Inge Meysel im Dritten war am Freitag ein ausgezeichneter Film zu sehen über einen löwenmähnigen Primaten namens Wandern, der im südindischer. Regenwald lebt, noch lebt, muß man sagen, denn es gibt nur noch 800 Exemplare dieses von Bergstämmen als weisen Waldgott verehrten Affen, wahrscheinlich weniger. Am 14 Juni wurde er der Nation erstmals vorgestellt.

Zunächst gab es viel Wald zu sehen, Regenwald, durch den die Rufe sonderbarer Vögel hallten. Dann Elefanten in dampfendem Grün, Büffel und bunte Vögel. winzige Termiten mit riesigen Flügeln krochen aus ihren Löchern, und auf einem Blatt lag eine unangenehm aussehende Schlange. Tolle Blüten und zwischendurch auch mal die Tennisschuhe des von Insekten geplagten Kameramannes (Konrad Wothe), dem sich Blutegel in die Zehen bohrten.

Natur, Natur, Natur ... Als nach zehn Minuten immer noch kein Wandern zu sehen war, breitete sich Spannung aus. Statt der erwarteten animalischen Rarität sprangen langschwänzige Languren elegant von Baum zu Baum: auch nicht schlecht. Man sah sie ganz aus der Nähe, diese Affen, deren Fleisch zu ihrem Unglück als liebefördernd gilt. Intelligent guckten sie in die Gegend und fraßen manierlich an großen grünen Blättern. Für possierlich waren sie zu halten, bis sie gähnend ihr gewaltiges Gebiß entblößten.

Alles spannend und interessant, aber immer noch kein Wanderu? Drei Monate habe die Suche nach ihnen gedauert, wurde mitgeteilt (wer finanziert das eigentlich?), und wir mußten auch recht lange warten. Statt seiner: fleißige Inder, die Jahr für Jahr ihre Teepflanzungen in den Regenwald vorschieben, was ihnen bescheidenen Wohlstand einträgt.

Aber dann war es endlich soweit: Der Waldgott trat auf, etwas plumper anzuschauen als die behenden Baum-zu-Baum-Segler, dafür größer. Der blauschwarze Hordenvater mit hellbrauner imponierender Mähne, die Mutter, den kahlköpfigen Säugling an der Brust bergend. Früchte stopften sie sich in das Maul, und das Riesenhörnchen sah ihnen dabei zu. Eine reizvolle Baumidylle, indiskrete Begattungsszenen wurden erfreulicherweise auf ein Minimum beschränkt. Dann kamen wieder Inder ins Bild, den Anbau von Teakhölzern vorantreibend, auf deren Export der indische Staat nicht verzichten kann. Mit ihren zivilisatorischen Aktivitäten – den Tee trinken wir in unseren Teakholzwohnungen – werden sie bald mitsamt all den tollen Blüten, den giftgrünen Schlangen und den bunten Vögeln auch den weisen Waldgott vernichten.

Was den Regenwald und seine letzten Reste angeht: Bald wird Ordnung herrschen in dem kribbelnden Durcheinander ausbalancierter Artenvielfalt. Wenn man an die Zukunft unseres blauen Planeten denkt und daran, wie er wohl vor der großen Katastrophe, "Technische Revolution" genannt, ausgesehen hat, möchte man sich die Hände vor das Gesicht schlagen. Daß die Menschheit zähnefletschend oder lächelnd vom Teufel besessen ist, das ist zwar nicht neu, aber ab und zu erschreckt es einen doch.

Am Schluß des Filmes wurde dem Zuschauer tröstlich versichert, daß indische Wissenschaftler dabei sind, einen Katalog von Maßnahmen zu erarbeiten, um den gefährdeten Wanderu vor dem Aussterben zu bewahren. Das klang nicht sehr beruhigend. Immerhin, wenn es unserem Vetter eines Tages an den Kragen geht, dann haben wir wenigstens den wundervollen Film von Michael Herzog und den Seinen. Ihnen sei’s gedankt. Walter Kempowski