Von Peter Christ

Zur Energiedrehscheibe Europas sollte Wilhelmshaven an der Nordsee werden. Und die Chancen dafür standen gut. Die Stadt verfügt über den einzigen Tiefwasserhafen an der deutschen Nordseeküste. Supertanker mit 250 000 Tonnen Öl im Bauch können dort festmachen, ihre Ladung in die nahegelegenen unterirdischen Kavernen pumpen, wo die Krisenvorräte der Bundesregierung und der deutschen Ölindustrie lagern. Pipelines verbinden die Hafenstadt mit den Industriezentren an Rhein und Ruhr sowie mit den Raffinerien in Hamburg. Die Ölfelder der Nordsee liegen vor der Haustür.

All diese Vorteile führte die deutsche Tochtergesellschaft des amerikanischen Ölmultis Mobil Oil ins Feld, als sie sich 1972 entschloß, für den Bau einer Raffinerie in Wilhelmshaven eine Milliarde Mark auszugeben. Doch schon die beiden nächsten Energieprojekte kamen über das Planungsstadium nicht hinaus: Die Deutsche Shell stoppte die Vorarbeiten für eine große Anlage zur Kohleverflüssigung, ein als "Meilenstein auf dem Weg zur Kohletechnologie" bejubeltes Projekt, das tausend Leute beschäftigen sollte. Auch aus dem Terminal für Flüssiggastanker wurde nichts. Und Ende März verarbeitete die Wilhelmshavener Mobil-Raffinerie das letzte Rohöl.

Niedersachsens Landesregierung bringt die Stillegung dieser jüngsten deutschen Raffinerie in Harnisch, weil sie damit das gesamte Konzept der Industrialisierung der strukturschwachen Wilhelmshavener Region bedroht sieht. Vor allem der niedersächsische Wirtschaftsminister Birgit Breuel (CDU) kämpft verbissen um die Rettung der Raffinerie, deren Bau mit öffentlichen Zuschüssen von rund hundert Millionen Mark und staatlich finanzierten Investitionen im Straßen- und Hafenausbau gefördert worden ist. Für Mobil kein Grund, Sentimentalität oder Dankbarkeit zu zeigen. Dazu sind die Zahlen zu triste.

Zwei Ölkrisen (1973 und 1979) zerstörten die hochfliegenden Pläne von Mobil. Seit ihrer Einweihung 1976 hat die Raffinerie durchschnittlich nicht mal die Hälfte ihrer Destillationskapazität von jährlich acht Millionen Tonnen Rohöl genutzt. Die vorgesehene Verdreifachung der Verarbeitungsmöglichkeiten unterblieb, und die Ölfabrik machte nur Verluste. Weil der Ölverbrauch in der Bundesrepublik weiter sinken wird und die Mobil-Muttergesellschaft sich aus dem Absatzgebiet der Wilhelmshavener Öl-Destille aus Nordeuropa zurückgezogen hat, gab es anscheinend keine Chance mehr für die Raffinerie an der deutschen Nordseeküste.

In der Ölbranche wird allerdings gemunkelt, die Mobil-Zentrale in New York habe die Stillegung der deutschen Raffinerie auch deshalb verfügt, weil die ursprünglich vorgesehene Schließung der Raffinerie in Frankreich wegen unverhohlener Drohungen der französischen Regierung nicht riskiert worden sei.

Die Mobil-Maßnahme gehört längst zum Repertoire einer Industrie, die innerhalb von fünf Jahren rund ein Drittel ihres Absatzes eingebüßt hat und deshalb schrumpfen muß. Bisher war das Schleifen der Ölfabriken ohne jede staatliche Hilfestellung noch auf das Einverständnis marktwirtschaftlich orientierter Politiker gestoßen. Schließlich gehört es zu ihren Glaubenssätzen, vom Wettbewerb erzwungenen Kapazitätsabbau durch staatliche Eingriffe nicht zu verzögern. Niedersachsens Wirtschaftsminister Birgit Breuel zählte zu den entschiedenen Verfechtern dieser Politik – im Prinzip jedenfalls und bis zur Stillegung der Raffinerie in Wilhelmshaven.