III. Programm (Bayerischer Rundfunk), Samstag, 22. 6., 20.15 Uhr: x Die traurigste Geschichte", Fernsehfilm von Julian Mitchell

Dies ist die traurigste Geschichte, die ich je gehört habe. Neun Jahre hindurch hatten wir während der Kursaison in Bad Nauheim mit den Ashburnhams in der größten Vertrautheit verkehrt ... und doch wußten wir andererseits auch wieder gar nichts von ihnen." Was so beginnt, so munter und düster zugleich, ist eine der merkwürdigsten, erstaunlichsten Romane des Jahrhunderts. John Dowell erzählt ihn, ein reicher amerikanischer Nichtstuer, der seine Zeit damit verbringt, die Tragödie seines Lebens durchzustehen, nachdem er, der Ahnungslose, plötzlich feststellen mußte, daß er sich tatsächlich tief in einer solchen befindet.

John Dowells Tragödie: das ist zugleich die Tragödie Edward Ashburnhams und dessen Frau Leonora, jenes aristokratischen englischen Ehepaares, mit dem seine Frau Florence und er die Sommer in Bad Nauheim verbringen. Man hat es am Herzen, Florence und Edward – und Maisie, die "kleine Maisie", die Edward unter den Augen der eifersüchtigen Gemahlin von der letzten Station seiner Offizierslaufbahn, aus Indien, mitgebracht hatte. Wie es aber um das Herzleiden der "armen Florence" wirklich steht, was es mit Maisie auf sich hat, die plötzlich tot in ihrem großen Koffer liegt, und warum Lady Ashburnham, die "gute Leonora", nervös wird, als Nancy, die Pflegetochter der Ashburnhams, sie in Nauheim besuchen kommt – das alles erfährt, durchschaut John erst Jahre später, nachdem Florence sich schon lange mit Zyankali vergiftet hat und Edward, der "gute Soldat", sich die Kehle durchschnitt und Nancy wahnsinnig wurde. Ach, "dies ist die allertraurigste Geschichte, die ich je gehört habe".

Eine Geschichte? Ist es nicht vielmehr ein dunkles Gewächs, ein monströses Unkraut, das John Dowell da zu beschreiben versucht, in unendlich vielen Rückblenden, Vorgriffen, Abschweifungen, ein Unkraut aus zerstörerischer Liebe und lebenserhaltendem Haß, das die Protagonisten umdrängt, würgt, schließlich erstickt? Langsam nur, ganz allmählich wie bei einem Kriminalroman, beginnt der Leser die sonderbaren organischen Zusammenhänge zu begreifen, die das Verhängnis heraufbeschworen.

John Dowell selbst ist sich seines Berichts nicht immer ganz sicher. Er versteht nur wenig von den heillosen Leidenschaften, die die Menschen um ihn herum bewegen, in den Tod treiben. Das ist der große Kunstgriff dieses Romans, der Kunstgriff seines Autors Ford Madox Ford (1873-1939). Ford war ein Bewunderer der Romane Flauberts und Maupassants. Die Konfrontation des leidenschaftlichen Temperaments mit der banalen Umwelt, die Zerstörung großer Hoffnungen, großer Gefühle in der Maschinerie des grauen bürgerlichen Alltags – das sind Motive, die wir auch aus "Madame Bovary" oder "Ein Leben" kennen, Motive, die untergründig auch Fords Roman aus dem Jahre 1913 durchziehen. Doch indem er seine Tragödie nicht aus der Perspektive Flauberts, sondern aus der Charles Bovarys erzählt, aus der Perspektive eines, der den erstaunlichen Mechanismus Mensch zwar detailliert beschreiben, aber sein Funktionieren nicht erklären kann, gewinnt die "Allertraurigste Geschichte" ihren besonderen, ganz einzigartigen Reiz.

Der natürlich verlorengeht, wenn man sich wie Julian Mitchell bei seiner Verfilmung des Romans für das englische Fernsehen auf eine knappe Darstellung der höchst verwickelten "Handhabung" beschränkt. So ist der Film, den der Bayerische Rundfunk in deutscher Erstaufführug zeigt, leider nicht mehr geworden als ein hübsch photographierter, konventionell inszenierter Hinweis auf den Roman Fords, einer der merkwürdigsten, erstaunlichsten Romane des Jahrhunderts. Benedikt Erenz