Eine große Leinwand, Neonzahlen, fliehende Füße, Reisigbündel: "Gambe che corrono" heißt diese schöne, poetische Arbeit von Mario Merz, und der Sammler, dem sie gehört, kann sie zum erstenmal über viele Tage hinweg sehen, denn in seinem Haus ist gar kein Platz, um sie auszubreiten. Zusammen mit knapp 100 Bildern, Skulpturen, Zeichnungen und Installationen aus Hamburger Privatsammlungen ist sie in einem jener alten Fabrik- und Gewerbegebäude zu sehen, die zur Zeit der Kulturcliquen liebstes Kind sind. Erstaunen und Freude bei der Eröffnung der Ausstellung "Museum? Museum! Museum.", die Jürgen Schilling im Auftrag der Hamburger Galeristen und der Kulturbehörde zusammengestellt hat, waren groß: das gibt es in Hamburg? Die Pfeffersäcke im grauen Flanell kaufen wirklich Merz und Kiefer, Twombly und Rückriem, Hödicke und Gerdes? Ja, so ist es, und dem Erstaunen darüber, daß diese Ausstellung genauso auch in Düsseldorf hätte zustande kommen können (wo alles natürlich nur reicher ausgefallen wäre), folgt die Feststellung, daß in diesem Anspruch auf lupenreine Überregionalität – auch die Austauschbarkeit, das heißt: der Mangel an Originalität liegt. Man wollte, so hieß es, nur die Kunst der siebziger und achtziger Jahre zeigen, hat also von vornherein auf die bedeutenden Sammlerbestände der Kunst der zwanziger und dreißiger Jahre verzichtet (und sich dadurch auch Absagen erspart). Aber wenn man schon, entgegen der selbstgesetzten Zeitgrenze, Fautrier und Dubuffet zeigt, warum dann nicht Richard Ölze, der in Hamburger Sammlungen glänzend vertreten ist? Und wäre es nicht richtig gewesen, in einem (meinetwegen der Ausstellung vorangestellten Kabinett) auch ein paar Zeichnungen von Horst Janssen zu zeigen – selbst wenn Janssen nicht in Schillings Katalog der Weltkunst gehört? Gefiltert durch diese Ausstellung gewinnen Hamburger Sammler zwar den öffentlich bestätigten Anschluß an das internationale Kunstmarktniveau, aber sie verlieren jene Couleur, die eben nur in Hamburg zu finden ist.

"Museum? Museum! Museum." heißt die Ausstellung, und natürlich sind Galeristen und eine Kulturbehörde ebensowenig Altruisten wie Kaufleute und Zahnärzte. Mit der Wurstscheibe der Ausstellung will man nach der Speckseite eines Museums für zeitgenössische Kunst werfen – aber wo eigentlich soll das herkommen, wenn die Kunsthalle einen Etat von 500 000 Mark hat (für Ausstellungen und Ankäufe), wenn noch nicht einmal eine großzügige Lösung für einen neuen Ausstellungspavillon auf dem Gelände zwischen Kunsthalle und Kunstverein verabschiedet ist, wenn, und hier fängt die ganze Misere an, in Hamburg nur 1,8 Prozent des Haushaltsetats für die Kultur ausgegeben werden (in Frankfurt dagegen über 11 Prozent)?

Man träumt von alten Fabrikhallen (das Gebäude der derzeitigen Ausstellung ist aber bereits als zukünftiger Wohnraum verplant), aber mit der Anschaffung irgendeines ausgedienten Gebäudes ist es nicht getan – wer das meint, der fahre erst einmal nach Basel und informiere sich, wie und mit welchen Kosten (und welcher Kompetenz) dort aus einer ehemaligen Papierfabrik plus Anbau das "Museum für Gegenwartskunst" gemacht wurde. Um Konflikte und der Sache schädliche Rivalitäten zu vermeiden, müßte man über die Art der Kooperation eines neuen Hauses mit der Kunsthalle nachdenken, über die Folgekosten und last but not least den Inhalt – denn Sammler werden zwar oft zu Leihgebern, aber selten zu Stiftern.

Eine Ausstellung, die Spaß macht und zum Nachdenken anregt nicht nur über das, was sie zeigt, und die hoffentlich Folgen haben wird jenseits der Versprechungen, Intrigen, Parteibildungen. (Museum für 40 Tage, Schmilinskystraße 6, bis zum 15. Juli, Katalog 24 DM.)

Petra Kipphoff