Von Ralf Dahrendorf

Im ersten Teil seiner Serie schrieb Ralf Dahrendorf von den sozialen Kontrollen, die die englische Gesellschaft bisher zusamengehalten hat. Die Analyse wird mit einer Beschreibung der Unterklasse fortgesetzt.

Es gibt ein soziales Klima, in dem die Gewalt gedeiht. Das kann ein historisches Klima sein, wenn auch nicht unbedingt das erwartete: Die Vermutung, daß Kriege notwendig in "ziviler" Gewalt nachhallen, wird durch vergleichende Untersuchungen nicht bestätigt. Es kann ein kulturelles Klima sein: Die USA liefern dafür das eindringlichste Beispiel. Es ist vor allem aber ein im engeren Sinn soziales Klima, und hier verdient ein Phänomen Beachtung, das in Deutschland, und vielleicht überhaupt in Kontinentaleuropa, eher unvertraut ist, nämlich die bis zum äußersten heruntergekommenen inneren Städte. Auch das ist eine englische (und schottische) Erfahrung.

England wird ja noch immer gern als eine Klassengesellschaft beschrieben. Das war einmal wahr, obgleich nicht so, wie die meisten es verstehen. Es ist durchaus kein Zynismus zu sagen, daß das Land lange Zeit eine glückliche Klassengesellschaft war: Man gehörte zur einen oder anderen Klasse, nach oben oder nach unten, to them oder to us. Unglücklich war man eigentlich nur, wenn man nicht oder nicht mehr dazugehörte. Der Mittelstand hat immer etwas quer zur englischen Gesellschaft gestanden; und über die Leiden der scholarship boys, der durch Bildungschancen von ihrer Klasse Entfremdeten, gibt es eine eindringliche Literatur.

Denn die wahren Klassen, die obere und die untere, hatte jede ihre Kultur, mit der man leben konnte. Die Kulturen hatten sogar – mutatis mutandis, versteht sich – etwas Analoges, erlesene Clubs in St. Jame’s mit Champagner und zuweilen frivolen Vergnügungen, und Working Men’s Clubs in den Reihenhausvierteln mit viel Bier und gelegentlichen Striptease-Darbietungen, das gesellschaftliche Ereignis der Pferderennen von Ascot und die direktere (Wett-)Leidenschaft der Windhundrennen in den Vorstädten, und eben auch das ländliche Cricket-Spiel und das städtische Fußballspiel.

Fußball war in England viele Jahrzehnte lang das große Arbeiterklassen-Vergnügen. Man stand im Viereck hart am Spielfeldrand; die Spieler selbst waren Klassengenossen, hart im Nehmen und im Geben, aber Volkshelden, nicht Stars und schon gar nicht verwöhnte Profis; man sang die Hymne des Clubs, dessen Farbe man trug und der auch ein Stück Zugehörigkeit, ja Lebensbindung markierte.

Mit der Verbürgerlichung der Arbeiterschaft auf dem Kontinent, zumindest nördlich der Alpen, ist die rauhe Herzlichkeit der alten Arbeiterklasse bei uns zulande aus den Fußballstadien gewichen. In England ist etwas anderes geschehen, und das nicht nur auf dem Fußballfeld. Die alte Arbeiterklasse ist geschrumpft. An ihre Stelle sind gewiß auch dort zum Teil bürgerlichere Gruppen getreten. Vor allem aber ist unterhalb der Arbeiterschaft ein neues Lumpenproletariat entstanden, und an manchen Stellen hat eben dieses Lumpenproletariat, die Unterklasse, das Spiel erobert. Hier liegt übrigens einer der Gründe für den dramatischen Rückgang der Zuschauerzahlen in den letzten Jahrzehnten: etablierte Arbeiter und ihre Familien fühlen sich durch die veränderte Atmosphäre auf den Rängen abgestoßen.