Der Zorn über den Terrorakt der Schiiten wächst: Vergeltung – aber wie?

Von Ulrich Schiller

Washington, im Juni

Die Empörung schlägt hohe Wellen. Immer wieder ist bei Befragungen in Rundfunk und Fernsehen zu hören, ist in den Leserbriefspalten der Zeitungen zu lesen: "Genug ist genug." – "Zurückschlagen." – "Was kümmert uns die Meinung der anderen." – "Warum immer nur Amerikaner?" – Ein Gefühl der Ohnmacht breitet sich unter den Amerikanern aus. Die Ungewißheit über das Schicksal der Geiseln im libanesischen Chaos scheint förmlich zu schreien nach dem ordnungsschaffenden Vergeltungsschlag – wenn nicht auch die amerikanischen Patrioten genau wüßten, daß das Leben der Geiseln dann tatsächlich verwirkt wäre.

Wie sich doch die Umstände gleichen: Die radikalsten Elemente der Schiiten bewerkstelligen eine brutale Geiselnahme großen Stils. Dann schalten sich "Gemäßigte" ein, "das Schlimmste zu verhüten". Dann wird der Terror amtlich. Und dann? Es ist nicht Teheran und auch nicht das Jahr 1979. Es ist Beirut. Es ist Amerika im Juni 1985.

Am Abend des vierten Tages der Odyssee des TWA-Fluges 847 wußte in Washington niemand, wo die mehr als 40 amerikanischen Geiseln in der zerschossenen Stadtwüste von Westbeirut versteckt gehalten werden. Offenbar unter dem Mantel der Nacht wurden sie aus der Maschine und vom Flugplatz weg transportiert. Handelten die Terroristen, weil Schiffe gesichtet worden waren, weil Präsident Reagan den Entführern am Sonntag Konsequenzen angedroht hatte?