So macht man es: Man zieht das Buch aus dem Regal, nimmt es zwischen Daumen und Zeigefinger, hält es in Kopfhöhe senkrecht in die Luft, schürzt die Lippen – und bläst. Sodann klappt man das Buch etwa in der Mitte auf, schlägt seine beiden Hälften behutsam und doch kräftig aufeinander. Das Ergebnis der Aktion ist unübersehbar: Eine kleine Staubwolke wirbelt in die Höhe, bläht sich pilzförmig, sinkt dann gemächlich zu Boden. Das Buch, vom Staube befreit, wandert ins Regal zurück: gesäubert, neugeboren.

Einmal im Jahr (alle zwei Jahre? alle fünf Jahre?) werden so die Regale "abgestaubt" – den Büchern zuliebe, den Bronchien zuliebe, vielleicht auch nur, weil die Traurigkeit eines verregneten Sommersonntages mit etwas bekämpft werden soll, das nach Sinn aussieht und nach Arbeit.

Wahrscheinlich gibt es längst bessere, raschere, effizientere Methoden der Bücherreinigung – Spezialstaubsauger etwa oder elektrische Luftbefeuchter, die den Staub auffangen, bevor er sich auf den Büchern niederläßt. Aber die altväterliche (altmütterliche) Methode, so zeitraubend und sinnlos sie sein mag, hat auch ihre Vorteile und Reize. Aus einer banalen Putzarbeit wird eine wahre Expedition: eine Reise durch die Bücher-Steilwand, von Achternbusch bis Zola.

Man nimmt die Bücher in die Hand: eines, das man noch nicht gelesen hat, irgendwann einmal aber lesen möchte; eines, das man nicht gelesen hat und niemals lesen möchte; ein drittes, das man offensichtlich gelesen, aber vollständig vergessen hat; ein viertes (oder zehntes) endlich, das man tatsächlich gelesen und vielleicht einmal geliebt hat.

Man bläst den Staub von einem Buch, nimmt es in die Hand. Das ist ein dramatischer Augenblick. Das Buch hat nun eine winzige Chance, gelesen, wiedergelesen zu werden, vielleicht seine letzte für viele Jahre. Wie vorherzusehen war, hatte es keine Chance und hat sie auch nicht genützt. Es wird zurückgestellt ins Regal – entstaubt zwar, doch nach wie vor nutzlos. Es steht da und wartet – seine einzige Aufgabe, sein einziger Stolz. Das Buch wird, bis zum nächsten Abstauben, vergessen.

Doch immerhin ist es, auf seinem Platz im Regal, gerettet; vor dem Abfalleimer, dem Feuer, dem Tod. Die Bücher leben – auch wenn wir sie nicht lesen. Sie in den Tod zu schicken, bringt keiner übers Herz. Und so wachsen die Bücherwände unaufhaltsam, Jahr um Jahr – auch wenn das Leben zwischen ihnen Jahr um Jahr schrumpft.

Das Einfachste tut keiner: die Bücher, die man nicht liest, nie lesen wird (und sie sind die überwältigende Mehrheit in jedem Regal) einfach wegzuwerfen. Bücher wirft man nicht weg. Das hat auch Gründe der Eitelkeit: Eine mächtige Bücherwand signalisiert jedem Besucher, daß in diesem Hause die Bildung wohnt – weshalb ganz vornehme Menschen auch nicht von ihren Büchern reden, sondern von ihrer Bibliothek.