Einen Fernsehapparat (Großbild und Farbe) hat jeder Gemeine. Eine Bibliothek hat nur der Gebildete. Aber unsere Kulturheuchelei ist nicht alles, nicht einmal das Wichtigste; das Theater, das wir unserer Mitwelt vorführen, ist längst nicht so bedeutsam wie jenes, das wir mit uns selber aufführen.

Die Bücher, sie sind unsere gesammelten Möglichkeiten, unsere noch unerfüllten Hoffnungen, unsere noch nicht begonnenen Projekte. Wie tot stehen sie da, in endlosen Reihen. Und doch sind ihre Leichen lebendig – den Staub weggeblasen, und schon beginnen sie ein neues Leben (während in die Glanztaten auf Zeitungspapier schon nach einer Woche der Gilb sich frißt). Ein Bücherzimmer ist eine Grabkammer, ein Mausoleum – nach Mitternacht aber tanzen die Vampire.

Hat der Bücherabstauber seine Arbeit getan (oder einfach ermattet abgebrochen), blickt er zufrieden erst auf die Bücher, dann aus dem Fenster. Die Regenwolken reißen auf, ein Sonnenstrahl fällt ins Zimmer. Er beleuchtet eine wahrhaft absurde Szenerie: Im Sonnenlicht leuchtet und tanzt der Staub, fliegt durch den Raum, fällt auf die gerade entstaubten Bücher.

"Wir müssen uns", schreibt Albert Camus in seinem berühmtesten Buch, "Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen."

Benjamin Henrichs