Von Andreas Kohlschütter

Nikosia, im Juni

Im geteilten Zypern nichts Neues. Auf dem diplomatischen Parkett herrscht Stillstand, auf dem umstrittenen Terrain sind die Fronten erstarrt. Rostende Drahtverhaue und vermodernde Sandsackstellungen markieren die Grenze: hüben die griechische Welt der Konstantin und der orthodoxen Kirche, drüben die türkische der Mustafas und der Minarette. Griechenfahnen flattern gegen Türkenfahnen, schlitzäugige Schießscharten starren sich an. Dazwischen liegt die Uno-Pufferzone, die sich in der Altstadt von Nikosia zu einem dünnen Kanal ausgestorbener winkliger Gassen verengt.

Seit über zwei Jahrzehnten bewegen sich hier nunmehr magere Katzen, Tauben und Blauhelmpatrouillen. Von den Ruinen fällt der Putz. Windstöße schlagen morsche Fensterläden auf und zu, rütteln an brüchig gewordenen Gitterverschlägen. Büsche und Unkraut schießen aus aufgerissenem Asphalt in die Höhe. "In dieser Pufferzone darf nichts, aber auch gar nichts verändert werden, die Erhaltung des Status quo ist oberstes Gebot", kommentiert der begleitende Uno-Offizier. Und er weist in einem verwüsteten Ladenlokal auf eine am dünnen Draht baumelnde Handgranate hin. Die vor elf Jahren angelegte tödliche Hauskampffalle wurde nie entschärft, bloß mit "Booby-Trap"-Warntafeln markiert. "Wir werden sehen, was passiert, wenn der Draht durchgerostet ist", so der stoische Hauptmann. Im geteilten Zypern steht die Zeit still.

Auf der griechischen Seite wird gegen die Präsidentschaftswahlen im Separatstaat der "Türkischen Republik Nordzypern" demonstriert. Am Checkpoint "Ledra-Palace" in Nikosia, dem einzigen Übergang über die Bruchstelle zwischen Zypern und Zypern, sammeln sich einige hundert Aktivisten der linkssozialistischen EDEK-Partei. Trotzige Slogans beherrschen die Szene: "Nein zu den vollendeten Tatsachen", "Weg mit den Attilas aus Zypern", "Rückkehr in die Heimat, Befreiung von Kyrenia und Morphu". EDEK-Führer Vasos Lyssarides, einst Leibarzt und Einflüsterer von Erzbischof Makarios, hält unter riesigen Eukalyptus- und Jakarandabäumen die Kampfrede: "Vor der Mauer der Türkenexpansion, vor dem Stacheldraht der Schande, vor unserer Geschichte und Verantwortung schwören wir, Okkupation und Teilung nie hinzunehmen." In der Hitze des Nachmittags befiehlt Lyssarides mit glühender Emphase: "Weiterkämpfen". Und er verheißt: "Es gibt keine Kraft, die uns daran hindern kann."

Genau dies tun jedoch die wegen des Protestmarsches in Alarmbereitschaft versetzten kanadischen Uno-Truppen, die auf dem Dach ihrer legendären Ledra-Palace-Unterkunft in Stellung gegangen sind. Im Sektor Nikosia bewachen sie jene "grüne Grenze", die 1963 beim Ausbruch blutiger Unruhen zwischen inselgriechischer Mehrheit und türkischer Minderheit ein britischer Brigadegeneral mit seinem grünen Filzstift zog. Jenseits der Blauhelmkanadier stehen die 20 000 Mann des türkischen Expeditionskorps, die Lyssarides und die Seinen Gewehr bei Fuß am Kämpfen hindern. Sie sind entlang der nach der Invasion von 1974 hinter Minenfeldern, MG-Stellungen und Schützengräben fixierten "Attila-Linie" postiert, die auf rund 200 km Länge ganz Zypern teilt.

Weiterkämpfen? Die Demonstranten vermitteln nicht den Eindruck unbändiger Opfer- und Kampfbereitschaft. Den Sprechchören fehlt die Begeisterung, nur die vordersten Reihen machen mit. Die Träger eines großen Transparents, das zum Widerstand gegen türkische Besatzer aufruft, gegen Kompromißpolitik und "Ausverkauf unserer Erde und Häuser", werden mitten in der Lyssarides-Rede ihrer Sache müde. Sie stellen das neroische Spruchband auf den Boden, strecken den Rücken und lassen sich Getränke reichen. Buchstäblich zu Füßen von zwei auf dem hohen Altstadtwall postierten Türkensoldaten trottet dann das Gros der Soldaten nach getaner hellenistischer Pflichtübung manierlich ins griechische Nikosia und ins Wochenendvergnügen zurück.