Was ist ein Wissenschaftskolleg zu Berlin? Was sind seine Ziele und wie ist es organisiert?

Diese und ähnliche Fragen sind in den Medien öfters behandelt worden; das Wissenschaftskolleg kann sich über eine mangelnde Aufmerksamkeit nicht beklagen. Die bisherigen Beiträge – die meisten sind kurz nach der Eröffnung im Jahre 1981 verfaßt worden – haben jedoch einen Mangel: Sie sind weitgehend überholt, weil sich das Wissenschaftskolleg wesentlich gewandelt hat. Vieles mußte erst gelernt werden, was bei einer neu geschaffenen Einrichtung nicht erstaunen kann. Überdies beschäftigen sich manche Beiträge allzusehr mit verwaltungstechnischen und organisatorischen Problemen – oder mit Nebensächlichkeiten wie dem (vermeintlichen) "Zwang" zum gemeinsamen Mittagessen. Wie nun aber tatsächlich am Wissenschaftskolleg geforscht wird und wie die interdisziplinäre Arbeit praktisch aussieht, wird kaum behandelt. Inwiefern wird der eigentliche Zweck der Gründung dieser neuartigen Institution erfüllt? Schließlich ist auch zu fragen, ob die in einigen Artikeln erhobene herbe Kritik am Wissenschaftskolleg heute berechtigt ist. Wird das Geld des Steuerzahlers für eine quasi-elitäre Einrichtung ohne viel wissenschaftliche Wirkung vergeudet?

Den Verfasser hatten die kritischen Pressenachrichten zu einer eher negativen Haltung gegenüber dem Wissenschaftskolleg veranlaßt. Als ich eine Einladung als "Fellow" für das Jahr 1984/85 erhielt, war ich deshalb eher unentschlossen, ob ich meine gut eingespielte Forschergruppe und die Lehrtätigkeit an meiner Universität zeitweilig aufgeben sollte. Im Verlaufe des Aufenthaltes hat sich meine Ansicht jedoch wesentlich geändert.

Ich halte das Wissenschaftskolleg als eine für die akademische Landschaft der Bundesrepublik zukunftsweisende Einrichtung, die auch vom Standpunkt des Steuerzahlers gut zu begründen ist.

Meine Ausführungen sind bewußt subjektiv; sie erfolgen vom Standpunkt eines Sozialwissenschaftlers (Nationalökonomen) und (deutschsprachigen) Ausländers. Sie nehmen nicht in Anspruch, für alle Mitglieder des Kollegs in gleicher Weise zu gelten. Vielmehr soll an einem Beispiel geschildert werden, wie die wissenschaftliche und insbesondere die interdisziplinäre Arbeit am Wissenschaftskolleg heute praktisch vor sich geht. Aus diesem Grunde wird auch nicht auf die Kritik an den Zuständen in der Vergangenheit eingegangen. Was zählt, ist, was gegenwärtig am Wissenschaftskolleg geleistet wird.

Grundsätzlich forscht jeder Wissenschaftler auch an einer interdisziplinären Einrichtung wie dem Wissenschaftskolleg auf seinem eigenen Gebiet. Und das ist gut so. Die heutige Wissenschaft verlangt vor allem andern eine Kompetenz in einem bestimmten, spezialisierten Forschungsbereich. Würde mit dieser Arbeit auch nur ein Jahr ausgesetzt, würde diese Kompetenz schnell verlorengehen. Diese grundsätzliche Konzentration auf das eigene Fach steht der Interdisziplinarität nicht etwa entgegen. Ganz im Gegenteil: Nur wer auf seinem eigenen Fachgebiet gut Bescheid weiß und leistungsfähig ist, kann einen Beitrag zur interdisziplinären Forschung leisten.

Ich habe mich beispielsweise mit wirtschaftlichen Aspekten der Kunst auseinandergesetzt. Wegen der für Ökonomen neuartigen Thematik waren mir dabei viele Aspekte unklar, und ich verfüge an manchen Stellen über mangelhafte Literaturkenntnisse. Was würde es mir nützen, wenn das Kolleg von Wissenschaftlern bevölkert wäre, die zwar viel über alles mögliche wissen, aber ihr eigenes Fach nicht beherrschen? Für meine Forschungsarbeit war es vielmehr hilfreich, daß ich etwa einen Musikwissenschaftler, einen Komponisten und einen Historiker nach konkreten Einzelheiten aus seinem Gebiet fragen konnte und kompetente Antworten erhielt.