Zeitungen, so behaupten manche, entstehen aus alltäglich organisierter Zensur. Was eine Meldung, was Meinung und Reportage wird, kommt irgendwo im oszillierenden Dunkel zwischen Wille, Macht, Vorsehung, subjektivem Zugang und Schlamperei zur Entscheidung.

Große Worte. Aber allein der Blick durch den Stapel Zuschriften, den diese Redaktion vergangene Woche erhielt, beweist die These, Wenn etwa die "Milchwirtschaftlichen Nachrichten" in ihrem allmonatlichen Bulletin melden: "Die Japaner wollen deutsches Eis produzieren" – wäre dies nicht schon Aufhänger genug für ein Traktat über den Fernosthandel, über eiskalte Attacken auf den Aufschwung? Wenn – im gleichen Organ – die Breitenburger Milchzentrale ein Schulmilchpuzzle durchführt – müßte hier nicht eine Betrachtung über die Geschichte der deutschen Volksmilch, ihrer ökonomischen, vor allem kulturellen Funktion geschrieben werden? Wenn der medizinische Pressedienst über die gesundheitlichen Risiken des Schachspielens bulletiert – "solange der Gegner brütet, bewußt und kontrolliert atmen" –, ist dies nicht eine Meldung für den breiten Leserkreis der Schachspieler, eine Analyse der "unterschätzten Kopfarbeit" gar wert?

Wir laden täglich Schuld auf uns, wir wie alle Redaktionen auf der Welt. So ignorieren wir die Mitteilung, daß mit Hilfe einer Collagen-Spritze "steile Furchen zwischen den Augenbrauen" verschwinden können. Was tun wir da? Wir blockieren vielleicht Lebensläufe. Denn: "Nicht selten verlangen Beruf und Karriere ein möglichst angenehmes und jugendliches Äußeres." Wir stürzen vielleicht Menschen ins Unglück, wenn wir den Erfahrungsbericht eins "nunmehr überzeugten Küchenkäufers" (eingeschickt von der Arbeitsgemeinschaft Moderne Küche) verschweigen: "Sabine, meine Frau, wollte von Anfang an eine praktische Einbauküche mit Eßplatz. Mich interessierte zunächst nur der Endpreis." Wir verheimlichen gar skandalöse Zustände und den Widerstand dagegen. Wie etwa jene an den Taxiständen, wo neulich in Freiburg ein Taxifahrer im Abgasdunst zusammenbrach und eine Bürgerinitiative schrieb: "Warum unternehmen die Verantwortlichen nichts gegen die Schadstoffkonzentrationen an den Halteplätzen?" Und wir vernachlässigen fahrlässig die Aufklärung der Konsumenten, etwa über die "Rohstoffe für Backmittel beim Brot", wie sie das bundesweite "Backmittelinstitut" uns zukommen ließ: "Durch Zusatz von Ascorbinsäure und in Verbindung mit dem eingekneteten Luftsauerstoff erfolgt eine Oxydation der Thvolgruppen."

Man verzeihe uns all diese Unterlassungen. Heute morgen, kurz vor Redaktionsschluß: Vierfarbinformationen zu "den erstaunlichen Möglichkeiten des Käse-Wurst-Salates". Die Agentur einer Plastikspielzeug-Firma erinnert uns: "Obwohl sommerliche Temperaturen die Gedanken um kühle Erfrischungen kreisen lassen, müssen Sie sich ja in nächster Zeit mit den Weihnachtsbeilagen beschäftigen. Diese Arbeit wollen wir Ihnen versüßen, indem wir Ihnen einen Gutschein für ein Weihnachtsgeschenk vorlegen."

Ratlos sind wir. Aber bestechen lassen wir uns nicht. Auch nicht mit dem Plasto-Roboter "Dred Crawler" mit Saugnapf und Greifarm.