Von Hans Jakob Ginsburg

Der Justizminister übernimmt die Verantwortung für das Schicksal der Entführten – Glück im Unglück, so mochte es scheinen. Denn Nabih Bern ist ein Mann mit "Sinn für Verantwortung" – den hat ihm zumindest der französische Präsident Mitterrand vor einiger Zeit bescheinigt. Richtig daran ist, daß verglichen mit den Selbstmordterroristen und Flugzeugentführern aus den Reihen seiner schiitischen Glaubensgemeinschaft der 45jährige Minister ein Muster politischer Rechtschaffenheit und Berechenbarkeit ist. Den Geiseln werde kein Leid geschehen, solange er mit Billigung der Entführer verhandle – so versicherte der Rechtsanwalt und Justizminister gleich nach Übernahme des unüblichen Mandats: Das war eine Drohung, verpackt als Versprechen an Washington: Wollt ihr nicht mit mir verhandeln, versucht ihr eure Leute mit Gewalt zu befreien, dann garantiere ich für nichts. Auf keinen Fall ist der Vermittler machtlos. Denn Nabih Bern ist von Hause aus Chef der Amal-Miliz und damit der wahre Herr über den Westen Beiruts.

Sinn für Verantwortung? Berri schiebt alle Verantwortung weit von sich: "Der Ball ist im amerikanischen Feld. Wenn ich als Unterhändler Erfolg habe – okay. Wenn man mich zurückweist, sage ich ‚Good Bye‘. Ich wasche meine Hände in Unschuld." Metaphern aus der Sprache des Tennisplatzes und der christlichen Bibel – Berri ist ein gebildeter, weltläufiger Mann. Aber Rechtschaffenheit, Berechenbarkeit? Im Morast der libanesischen Wirren zählen Worte wenig; das weiß Berri besser als viele andere. Deshalb macht er sich ohne Skrupel zum Komplizen der Geiselnehmer. Mit ihnen verbindet ihn zudem die Konfession und das Ziel, die schiitischen Gefangenen aus israelischer Haft zu befreien. Man darf Berri getrost unterstellen, daß er kühl alle Vor- und Nachteile abgewogen hat, ehe er sich in das Geiseldrama einschaltete. Ergebnis: Er kann, unabhängig vom Ausgang, nicht verlieren.

Daß ein Mann wie Berri zum Herrscher über die islamische Hälfte Beiruts und zum zweitmächtigsten Mann des Libanon nach dem Fädenzieher Assad in Damaskus geworden ist – daran zeigt sich der große Wandel, den der Bürgerkrieg im Libanon bewirkt hat. Berri ist zwar Milizenchef wie Gemayel, Dschumblat und Chamoun. Im Gegensatz zu diesen Rivalen ist er aber ein homo novus. Er stammt nicht aus einer der großen Familien, die seit Jahrzehnten, zum Teil seit Jahrhunderten libanesische Politik machen. Berri ist kein Feudalherr wie die meisten seiner Kollegen im funktionsuntüchtigen Beiruter Kabinett, sondern ein Warlord, dem seine Parteigänger die Macht erkämpft haben.

Überdies und vor allem ist Berri Schiit – Mitglied einer Glaubensgemeinschaft, die im Libanon über Jahrhunderte im Schatten stand. Die Christen haben wirtschaftlich, politisch, kulturell von der Bindung an Europa profitiert; die Sunniten konnten sich auf mächtige arabische und türkische Glaubensbrüder verlassen; die Drusen machten aus ihrer Isolation eine Tugend und organisierten sich als kriegerische Herren der Berge. Die Schiiten dagegen waren nichts als arme Bauern im Süden und Osten des Landes, deren Vorfahren einst als Glaubensflüchtlinge aus fruchtbareren Gegenden zugewandert waren. Nach dem Konfessionsproporz der libanesischen Republik besetzt ein Schiit das einflußlose Amt des Parlamentspräsidenten. Zur Zeit ist es ein Grundbesitzer aus dem Süden, der keine politische Macht mehr innehat. Die Schiiten folgen inzwischen anderen Führern.

Landflucht und Überbevölkerung – keine libanesische Religionsgruppe wächst so schnell wie die Schiiten – ließ in den Jahrzehnten vor dem Bürgerkrieg eine große schiitische Gemeinde in den Armenquartieren der Hauptstadt entstehen. Dort wuchs Nabih Berri auf, besuchte eine französischsprachige Schule und studierte Jura. Er ging dann den Weg vieler libanesischer Aufsteiger, die in ihrem kleinen, konfessionsverkrusteten Land kein Fortkommen sahen: Er wanderte nach Amerika aus. Als er das Land wieder verließ, blieb seine Frau in Detroit zurück.

Der Rückwanderer aus Amerika stieg in die Politik ein. Seine Glaubensgenossen hatten eine Bewegung gegründet, sozialreformerisch und von einer Aggressivität, die den libanesischen Schiiten vorher fremd gewesen war. Berri wurde Generalsekretär und politischer Kopf der Amal ("Hoffnung"), schließlich Führer der Bewegung, als der Gründer und geistige Kopf in den Klauen des Libyers Ghaddafi verschwand: Das war der schiitische Kleriker Musa Sadr, den heute die libanesischen Schiiten jeder politischen Couleur als Märtyrer verehren. Sieben Jahre später nahm Berri Rache: Die Ghaddafi-treuen sunnitischen Milizen wurden im Februar 1985 von der Amal zerschlagen – nach Jahren gemeinsamen Kampfes gegen die christlichen Landsleute.