Schon am Telephon lasse ich mir das Versprechen abnehmen, unser Gespräch über Schülergenerationen nur als Versuch anzusehen. Schüler seien Individuen, sie in der Masse zu beurteilen schwierig, erklärt Rolf Eigenwald. Er ist 43 Jahre alt und unterrichtet Deutsch am Christianeum in Hamburg, einem der bekanntesten Gymnasien der Hansestadt. Daneben bildet er als Seminarleiter Referendare aus. Ich möchte, daß er nach zwei Jahrzehnten Bilanz zieht: Wie seine Schüler sich verändert haben, wie die Lehrer, ob das Abitur leichter oder schwerer geworden ist und wie das eigentlich mit den Entlassungsfeiern so war.

Wir treffen uns in seinem Einfamilienhaus in Halstenbek, unweit von Hamburg. Bücher tapezieren das Wohnzimmer, auf dem Tisch steht Kaffee in der Thermoskanne; rot und weiß leuchten Erdbeertorte und Schlagsahne.

"Ich habe 1962 Abitur gemacht", beginnt Rolf Eigenwald. "Eltern und Direktor waren bei meiner Entlassung bemüht, die Werte, die es zu beschwören galt, von der rauhen Wirklichkeit zu trennen. Hier das Gute, Wahre, Schöne, Edle – dort die krude Tatsächlichkeit." Rauh und krude war "der ökonomische Aufschwung, die harten Regeln des Wirtschaftslebens, ganz was anderes als heute. Ich kann mich nicht erinnern an irgendeine Zukunftsangst". Die Form der Zeremonie, die weihevollen Worte damals nennt er "steif und beklemmend". Und er steht auf und holt zum Beweis einen dicken Wälzer aus einem Regal: "Das große Buch der festlichen Reden und Ansprachen".

Acht Jahre später, nach seinem Studium, kam Rolf Eigenwald 1970 als Lehrer an eine Hamburger Schule: Ralf Dahrendorfs Forderung "Bildung ist Bürgerrecht" war ausgesprochen, die "Epochenscheide 68/71" vollzog sich gerade, die Gymnasien öffneten sich, die Lesebücher erwachten aus nachnationalsozialistischem Schlaf. Rolf Eigenwald denkt mit gemischten Gefühlen an "diese Blütezeit politischer Kontroversen, diese Ära des Fortschritts". Er war irritiert, daß sie von gleichaltrigen und älteren Kollegen auch "als Schreckensherrschaft der Schüler über die Lehrer" begriffen wurde, als "Periode des Leistungsverfalls". Auch er wunderte sich, "wie Bürgersöhne, die bis 1967 Politik für ein schmutziges Geschäft hielten, plötzlich politisiert wurden". Schülerscherze à la Feuerzangenbowle gehörten der Vergangenheit an, auf einmal hatte alles Anspruch und Richtung.

Mit den hehren Abiturfeiern war es schlagartig aus. "Es gab Abiturienten, die holten sich ihr Zeugnis und gingen nach Frankfurt, um Habermas zu hören." Die meisten hätten es dort allerdings nicht lange ausgehalten. Die heiße Zeit war an den Universitäten ja auch schon vorbei.

Mitte der siebziger Jahre gab es dann wieder die ersten Abiturfeiern. Brav waren sie nicht. "Ich erinnere mich an einen Schüler, der bei der Entlassung ein Gedicht vortrug, in dem Orgasmus und Sozialismus die Haupt-Reimworte waren. Unser Direktor hat sehr darunter gelitten."

Heute sind Zeremonien wieder üblich, die Form hat sich gewandelt. "Trägt der eine Jeans zur Feier des Tages, so hat sein Nachbar den dunklen Anzug mit Krawatte gewählt." Alles scheint möglich in den Achtzigern: der Appell des baden-württembergischen Kultusministers Mayer-Vorfelder, doch in Abiturprüfungen bitteschön keine Turnschuhe zu tragen, die der Bedeutung des Augenblicks nicht entsprächen – wie auch die Nichtbefolgung dieses Appells durch die Schüler.