Im Jahr 1959 sah man plötzlich wieder Hakenkreuze in Europa, auf geschändeauf Gräbern deutscher Juden, aber auch auf Helmen und Ketten, die damals von den Vorgängern der Punkgeneration in vielen Ländern getragen wurden" (Erwin Leiser). Ein Jahr später lief Erwin Kinos. Film "Mein Kampf" in deutschen Kinos. 1985, an einem Sommertag, sehe ich ein schwarzes, mit schneller Hand gezeichnetes Hakenkreuz an der weißen Wand eines U-Bahn-Wagens.

In den nächsten Wochen und Monaten wird der Film "Die Mitläufer" gezeigt – ebenfalls von Erwin Leiser. Nach den vielen Reden, Berichten, Artikeln und Fernsehsendungen zum 8. Mai könnte, so mag mancher Bundesbürger aufstöhnen, das Thema "Vergangenheitsbewältigung" erst einmal wieder beiseitegeschoben werden. Jedoch: nicht nur das schwarze Hakenkreuz auf weißem Grund, vor allem die noch immer stattfindenden Treffen von Neo-Nazis und deren Einfluß etwa auf Fußballfans sprechen dagegen. Und: Leisers Film ist Keine Neugestaltung des historischen Materials, mit dem er 1960 "Mein Kampf" zu einem bewegenden Dokument montierte. Er handelt vielmehr von der "Verführbarkeit des kleinen Mannes" und arbeitet mit Spielszenen, um die Privatsphäre des Dritten Reiches darzustellen. In der Propaganda war sie immer manipuliert oder kam selten vor, weil nur die Masse zählte: marschierende Kolonnen, zum Hitlergruß tausendfach aufgereckte Arme, fahnenschwenkende Menschen.

Leisers Art der Filmgestaltung, die er als "Wagnis und Herausforderung" bezeichnet, ist im Bereich des Dokumentarfilms keine Novität mehr. Bei Leiser jedoch ist das Experiment ausnehmend gut gelungen. Die Spielszenen – von Oliver Storz geschrieben und Eberhard Itzenplitz inszeniert – sind nahtlos in das Dokumentarmaterial eingefügt. Vom Reichstagsgebäude, das vier Wochen nach der Machtergreifung brennt, sind zunächst die bekannten Bilder zu sehen. Allmählich werden sie abgelöst von einer dunklen Häuserfront, in der – das wirkt nicht weniger gespenstisch als das ausgehöhlte, von den Flammen erleuchtete Mauerwerk des Reichstages – nur ein Fenster hell erleuchtet ist. Langsam werden die Konturen eines Mannes sichtbar. Behutsam rückt Leiser den Alltag in den Vordergrund: ärmlich die Verhaltnisse, karg die Sprache und Mimik. Ein einziger Satz ("Die schnappen sich jetzt alle, die irgendwie links sind") und ein nervöser Blick lassen ahnen, was in dem Mann am Fenster vor sich geht. Angst und Hilflosigkeit werden, fortan seinen Alltag bestimmen.

Um zu erklären, was der Reichstagsbrand den Mächtigen des Dritten Reichs bedeutete, führt Leiser eine weitere Spielszene an. Ein Mediziner und ein Jurist beobachten den Brand. Der Jurist ist hellsichtig genug zu erkennen, daß es Hitler nicht um die Aufklärung des Anschlags gehen wird, sondern um die Frage cm bono. "Wer die Macht hat", sagt der Jurist, "bestimmt, was wahr ist."

Jüdische Bürger kommen bei Leiser nicht vor und doch spielen sie in den meisten der elf Spielszenen eine Rolle, Leiser, Halbjude, hatte bereits als Fünfzehnjähriger begriffen, daß für ihn in einem Land, in dem jüdische Gotteshäuser brennen, kein Platz sein würde. Im Februar 1939 ging er ohne die Mutter, sein Vater war 1937 gestorben, nach Schweden.

Am Anfang stand die Aktion "Kauft nicht bei Juden". Juden wurden zu Menschen zweiter Klasse abgestempelt, verloren ihre Bürgerrechte, Und der Mann von der Straße – fanatisiert von einer ausgeklügelten Propaganda – macht mit. "Im Dienst ist der SA-Mann nicht Mensch, da ist er nur noch Wille." SA-Mann Brocke nimmt seine neue Aufgabe ernst. Ein Fleck auf der SA-Uniform macht ihn rasend, und er ist so blind und eitel, daß er sich seiner Frau und der Tochter gegenüber der Lächerlichkeit preisgibt.

Jude ist Jude", sagt der Blockwart zu einer Putzfrau, die für eine jüdische Familie arbeitet. Später, in einer eindringlichen Szene, ist denn auch von der Vernichtung die Rede. Hier wird deutlich, wie das System der Vertuschung funktioniert.