Die Wirtschaft ist wieder in Schwung gekommen. Aber auf dem Arbeitsmarkt wirkt sich dies nicht aus.

Die Jahre der Voll- und Überbeschäftigung liegen nun schon so lange zurück, daß sich die Jüngeren daran gar nicht mehr erinnern können. Angesichts der eigenen Nöte bei der Suche nach einem Ausbildungs- oder Arbeitsplatz neigen viele von ihnen sogar schon dazu, die Erzählungen der Väter über die Jahre des großen Arbeitskräftemangels zu jenen Übertreibungen und Glorifizierungen zu zählen, zu denen die Alteren beim Rückblick häufig neigen.

Mit der Erinnerung an die gute alte Zeit am Arbeitsmarkt schwindet aber mehr und mehr der Glaube daran, daß sich die gegenwärtige Misere überhaupt noch überwinden laßt. Was die Massenarbeitslosigkeit angeht, machen sich gefährliche Gewöhnungserscheinungen bemerkbar – gefährlich deshalb, weil sie den Willen zur Überwindung dieses Problems zu lähmen drohen. Vorbei sind die Zeiten, in denen die Beschäftigungskrise als ein wirtschaftspolitischer Unfall dargestellt wurde, der bei Verabreichung bewährter Mittel bald wieder vergessen sein werde. Selbst Vertreter der Spitzenverbände der deutschen Wirtschaft lassen nun verlauten, daß die Arbeitslosigkeit allenfalls langfristig abgebaut werden könnte.

Daß Wunder nicht zu erwarten sind, hat auch Otto Schlecht, Staatssekretär im Bonner Wirtschaftsministerium, in diesen Tagen unmißverständlich erklärt. Er korrigiert das noch, vor wenigen Monaten im Jahreswirtschaftsbericht der Bundesregierung genannte Beschäftigungsziel kräftig nach unten. Hatte man damals noch optimistisch verkündet, daß die Zahl der Arbeitslosen im Jahresdurchschnitt um mehr als hunderttausend sinken werde, so rechnet Schlecht nun damit, daß sich die Zahl derjenigen, die vergeblich nach einer Beschäftigung suchen, nicht wesentlich verändern werde. Der Sachverständigenrat hat diese Auffassung jetzt in seinem Sondergutachten bekräftigt. Otto Schlecht wies sogar darauf hin, daß aus heutiger Sicht wenig Hoffnung bestehe, daß sich an diesem trostlosen Zustand bis zum Ende des Jahrzehntes viel ändert.

Die achtziger Jahre als Jahrzehnt der Massenarbeitslosigkeit? Damit finden sich offenbar immer mehr ab – auch unter denen, die in der Verantwortung stehen. Mehr als ein Appell an die Unternehmen, nun doch freundlicherweise zusätzliche Mitarbeiter einzustellen, fällt den Bonner Politikern nicht mehr ein. Dabei ist doch spätestens seit Ludwig Erhards erfolglosen Versuchen mit der „Seelenmassage“ bekannt, daß sich mit Moralpredigten weder die Inflation, noch eine heiß laufende Konjunktur oder gar die Arbeitslosigkeit bekämpfen lassen.

Die Politiker stehen offenbar ratlos vor der Frage, warum sich trotz des wirtschaftlichen Aufschwungs so gut wie keine Veränderung am Arbeitsmarkt zeigt. Denn aus der Wirtschaft kommen so viele gute Meldungen, wie schon seit Jahren nicht mehr: Die Umsätze steigen, die Ertragslage ist glänzend, der Export floriert. Deshalb kann man dem Sachverständigenrat nur zustimmen: „Es besteht kein Anlaß für konjunkturpolitisches Handeln.“ Die Wirtschaft läuft.

Was nicht läuft, ist die Beschäftigung. Sie läuft deswegen nicht, weil es immer noch zu viele Einstellungshemmnisse gibt, weil das Risiko, neue Mitarbeiter einzustellen, von vielen Betrieben immer noch als zu hoch betrachtet wird – und vor allem, weil sich zwischen der Qualifikation der Arbeitslosen und dem Bedarf der Wirtschaft eine immer breitere Lücke auftut. Denn trotz Arbeitslosigkeit klagen immer mehr Personalchefs darüber, daß sie nicht die richtigen Leute finden können. Hier vor allem müssen Gesetzgeber und Verbände, die Tarifvertragsparteien und die Bundesanstalt für Arbeit ansetzen. Hier liegen gewaltige Versäumnisse vor – Versäumnisse, die zwar kurzfristig nicht mehr korrigiert werden können, die aber so rasch wie möglich korrigiert werden müssen, wenn wir uns nicht langfristig mit der Massenarbeitslosigkeit abfinden wollen.

Michael Jungblut