Von Christian Graf von Krockow

Ein Gelehrtenleben, ein deutsches Schicksal im 20. Jahrhundert: Helmuth Plessner stammte aus gutbürgerlichem Hause; er wurde 1892 als Sohn eines Sanitätsrats in Wiesbaden geboren. Freilich auch: als der Sohn eines Juden. Studienbeginn 1910, Promotion 1916, Habilitation zum Privatdozenten der Philosophie in Köln 1920, Ernennung zum außerordentlichen Professor 1926. Die akademische Laufbahn schien vorgezeichnet. Aber 1933, an der Schwelle zur Berufung auf einen Lehrstuhl, kam statt dessen die Entlassung wegen des "nichtarischen" Makels, wie es in der barbarischen Sprache der Zeit hieß.

Plessner fand Zuflucht in den Niederlanden. Nach kargen Jahren bekam er 1939 wieder festen Boden unter die Füße; er wurde an der Universität Groningen zum Professor für Soziologie ernannt. Fester Boden? Nur Monate später marschierten Hitlers Heere ein; die Entlassung durch den "Reichskommissar für die Niederlande" war die Konsequenz. Die Spätzeit des Krieges überlebte Plessner im Untergrund, im Schutz von Freunden in Amsterdam.

Todesschatten über denen, die eigentlich doch – und vielleicht tiefer gefühlt, inniger als irgendwer sonst – deutsche Patrioten hatten sein wollen: Plessner trifft im Frühjahr 1944 einen berühmten Juristen und sagt: "Nur ein paar Wochen oder Monate müssen wir noch durchhalten. Die Invasion kommt, die zweite Front, dann bricht das Tausendjährige Reich zusammen, dann sind wir gerettet." Der berühmte Jurist jedoch fährt auf: "Aber, Herr Plessner! Sie wollen doch nicht sagen, daß die da unseren Atlantikwall stürmen können?"

Nach 1945 wurde Plessner wieder nach Groningen berufen. Doch er gehörte zu der zwar kleinen, aber sehr bedeutsamen Zahl von Gelehrten, die zurückkehrten und der deutschen Universität noch einmal zu einer Art von Abendglanz verholfen haben. 1951 übernahm er in Göttingen einen Lehrstuhl für Soziologie und Philosophie; bis zum Erreichen der Altersgrenze blieben noch zehn Jahre des Wirkens als akademischer Lehrer. Jetzt häuften sich sogar die Ehrenämter und Ehrungen: Plessner wurde Rektor seiner Universität, Präsident der deutschen Gesellschaften für Philosophie und für Soziologie, Mitglied der Akademien der Wissenschaft von Göttingen, Amsterdam und Mainz, Ehrendoktor in Groningen, Zürich und Freiburg.

Fragt man nach dem Ertrag, nach dem Lebenswerk eines derart von den Zeitumständen durchwirkten Lebens, so ist zunächst ein Stichwort zu nennen: philosophische Anthropologie. Damit ist die uralte, immer neue Frage gemeint, die sich uns stellt: Wer sind wir, was ist der Mensch? Plessner gehört zu den Begründern der modernen philosophischen Anthropologie, neben Max Scheler und über ihn hinaus, vor Arnold Gehlen. Eines seiner wichtigsten Bücher, 1928 zuerst erschienen, heißt: "Die Stufen des Organischen und der Mensch".

In der abendländischen Tradition klafft der Widerspruch: Auf der einen Seite erscheint der Mensch als Geistwesen, über alle Natur grundsätzlich hinaus, auf der anderen als bloßes Triebwesen, dem keinerlei Sonderstellung einzuräumen ist. Irgendwie soll der Widerspruch dann überdeckt werden, so daß der Mensch als eine Art Zwitter sich darstellt, gewissermaßen als ein Geister-Reiter, der das Tier unter und in sich, seine leibliche Existenz, mehr oder minder erfolgreich zu zügeln versucht.