Anträge im „stern“-Prozeß: Freispruch – und viele Jahre Knast

Von Karl-Heinz Janßen

Hamburg

So unglaublich der Skandal um die gefälschten Hitler-Tagebücher noch immer anmutet, so perplex steht nun das Publikum vor den Anträgen von Staatsanwaltschaft und Verteidigung im Hamburger stern-Prozeß.

Geht es nach den Anklagevertretern, so müßten die beiden Hauptangeklagten – der geständige Fälscher und Militariasammler Konrad Kujau und der Reporter Gerd Heidemann – für viele Jahre in den Knast, als wären sie Kapitalverbrecher. Wegen extrem schweren Betruges plädierten die Staatsanwälte auf sieben Jahre Freiheitsstrafe für Heidemann und sechs Jahre für Kujau (dessen Lebensgefährtin Edith Lieblang wegen Hehlerei ein Jahr mit Bewährung erhalten soll).

Freisprüche hingegen beantragten die Verteidiger, die nicht verhehlten, daß sie die eigentlich Schuldigen eher im Verlagshaus Gruner + Jahr suchen. Da sind die Richter bei ihrer Urteilsfindung nicht zu beneiden, zumal sie sich des Vorwurfs der Voreingenommenheit erwehren müssen.

Allzu leicht machten es sich die Staatsanwälte Dietrich Klein und Wolfgang Siegmund. Für sie war dies von Anfang nichts weiter als ein Betrugsprozeß gegen zwei Gauner, die sich gegenseitig übers Ohr hauten, wobei die (schon sprichwörtliche) „Explosion an krimineller Energie“ des Handschriftenfälschers überhaupt erst die wunderliche „Vermögensexplosion“ beim Angeklagten Heidemann initiierte. Der Reporter, der Unsummen in die von ihm erworbene Göring-Yacht „Carin II“ investiert hatte, sei bankrott gewesen, als ihm das Schicksal den schlauen Kujau, der nicht mehr „bloß ein Fensterputzer“, sondern etwas Besonderes sein wollte, über den Weg laufen ließ. Heidemann habe dann einen „weiträumigen und raffinierten Coup vorbereitet“, um sich, seine 25jährige Vertrauensstellung beim stern mißbrauchend, auf Kosten des Verlages zu bereichern.