Irgendwann im März dieses Jahres wurden die Vereinigten Staaten zum Schuldnerland. Amerika ist jetzt ein Währungsgebiet, das gegenüber dem Rest der Welt mehr Schulden hat als Forderungen. Zum Ende des laufenden Jahres wird die Verschuldung gegenüber dem Ausland rund hundert Milliarden Dollar erreichen. Das ist mehr, als so notorische Schuldnerländer wie Mexiko oder Brasilien dem Ausland schulden. Wird das gegenwärtige Tempo der Verschuldung beibehalten, dann werden die amerikanischen Auslandsschulden Ende 1986 zwischen zweihundert und dreihundert Milliarden Dollar ausmachen. Es gibt schon Berechnungen, nach denen es das Land bis 1990 auf Schulden von einer Billion Dollar bringen wird.

Doch das sind die üblichen Extrapolationen, die nur unter dem Vorbehalt stimmen, daß alle Bedingungen gleich bleiben. Davon kann man jedoch mit Sicherheit nicht ausgehen. Denn die treibenden Kräfte, die zum ersten Mal seit 71 Jahren das größte Gläubigerland der Welt in ein Schuldnerland verwandelten, werden die Regierung in Washington zu Korrekturmaßnahmen zwingen. Die Frage ist nur, ob die Korrekturen in geordneter Weise vor sich gehen werden und die Entwicklung beherrschbar bleibt, oder ob sich die treibenden Kräfte der Kontrolle entziehen und ein finanzielles Debakel auslösen, das dann zu Recht als zweite internationale Schuldenkrise bezeichnet werden müßte.

Die Lage hat sich rasch verschlechtert. Zum Jahresende 1983 waren, wie die Tabelle zeigt, die Forderungen Amerikas gegenüber dem Ausland noch um rund 106 Milliarden Dollar größer als die Verbindlichkeiten. Die Aufgliederung läßt auch erkennen, wo das Auslandsvermögen der Amerikaner liegt und wo sie sich verschuldet haben. Der positive Saldo der amerikanischen Netto-Kapitalanlagen ist durch das Leistungsbilanz- – defizit der USA im Jahre 1984 in Höhe von 101 Milliarden Dollar so gut wie aufgezehrt worden. Jede weitere Passivierung der Leistungsbilanz – im ersten Quartal 1985 waren es schon 30 Milliarden Dollar – vergrößert die amerikanischen Auslandsschulden. (In der Leistungsbilanz werden die Handelsströme, die Dienstleistungen und die Übertragungen, zum Beispiel Überweisungen von Gastarbeitern an ihre Familien, erfaßt.)

Das Defizit im Außenhandel wird nicht mehr, wie noch in der zweiten Hälfte der siebziger Jahre, durch Erträge aus amerikanischen Investitionen im Ausland ausgeglichen. Denn seit Zentralbankchef Paul A. Volcker die Inflation bekämpft, steigen die Zinsen in Amerika. Dann ließen jährlich wachsende Haushaltsdefizite die Zinsen noch weiter in die Höhe schießen, so daß die Zinserträge für Anleger immer reizvoller wurden und Auslandskapital anlockten. Die Folge war der Höhenflug des Dollar, der bis jetzt noch immer kein Ende gefunden hat.

Bei dem starken Dollar wuchsen die Defizite in der amerikanischen Leistungsbilanz – von neun Milliarden Dollar 1982 auf über hundert Milliarden Dollar 1984. Sie sind durch eine ebenso starke Zunahme der Netto-Kapitalzuflüsse aus dem Ausland finanziert worden. Diese Netto-Kapitalzuflüsse – das stellt Otmar Emminger, der frühere Bundesbankpräsident in seiner Schrift The Dollar’s borrowed strength (Die geborgte Stärke des Dollar) heraus – sind zum wichtigsten fundamentalen Faktor der amerikanischen Zahlungsbilanz geworden, weit wichtiger als die traditionellen Faktoren, nämlich Inflationsdifferenzen und Trend der Leistungsbilanz. Die Vereinigten Staaten importieren gegenwärtig mehr als doppelt soviel Kapital aus dem Ausland wie die gesamte Dritte Welt. Sie decken ein gutes Viertel ihres gesamten Kapitalbedarfs aus ausländischen Quellen.

Aber die Behauptung ist falsch, daß Amerika mit seinen hohen Zinsen hauptsächlich Kapital aus Europa abziehe. Der Netto-Beitrag Europas zum gesamten Netto-Zufluß ist in den letzten drei Jahren relativ gering gewesen. Um ein Vielfaches höher ist der Kapitalzufluß aus Japan, im Schnitt etwa fünf Milliarden Dollar im Monat. Die Japaner sind große Sparer. Ihre Anlagen in amerikanischen Wertpapieren sind eindeutig zinsbestimmt.

Betrachtet man die enormen Veränderungen in der amerikanischen Kapitalbilanz zwischen 1982 und 1984, dann muß man ein weiteres Vorurteil begraben. Die mit Abstand wichtigste Veränderung ist nicht etwa der verstärkte Zufluß von Auslandskapital, sondern die Verringerung der amerikanischen Ausleihungen ans Ausland. Die Auslandskredite der amerikanischen Banken sind von 111 im Jahre 1982 auf sieben Milliarden Dollar im Jahre 1984 zurückgegangen. Dieser dramatische Abfall ist einmal mit der internationalen Schuldenkrise zu erklären, sicher hat aber auch die Nachfrage der Industrieländer nach Dollarkrediten nachgelassen. Gleichzeitig haben amerikanische Unternehmen immer mehr Kredite im Ausland aufgenommen, vornehmlich auf den Euromärkten, weil dort die Zinsen niedriger sind als zu Hause.