Nichts ist so schön wie der Mond von Wanne-Eickel." Und weiter? "Die ganze Luft ist erfüllt von ew’gem Mai. Und jede Nacht am Kanal von Wanne-Eickel ist voller Duft wie die Nächte von Hawaii."

Für Hohn kann das nur halten, wer von Wanne-Eickel keine Ahnung hat. Die Einheimischen sehen in dem Schlager, mit dem Friedel Hensch und die Cypris den Ort 1961 berühmt machten, ihre Nationalhymne, die witzigste der Welt. Auch wenn sie verlegen schmunzeln – das Mondlied spricht den Menschen in Bickern und Wanne aus der Seele, und wenn sie was getrunken haben, im Bayernzelt der Cranger Kirmes vielleicht, singen sie alle, alle mit. Drei junge Frauen, Wannes reger Musikszene verhaftet, brachten es zu lokaler Berühmtheit im letzten Jahr auf der Kirmes. Sie nannten sich "Luna Sisters", und besorgten dem Liedchen vom Mond ein grandioses Comeback. Die Wanner waren aus dem Häuschen.

Ganz laut mitgesungen, dafür gibt es Zeugen, hat Helmut Hellwig, Wanner von Geburt, gelernter Postler und seit Jahren direkt gewähltes Mitglied des Landtags. Die politischen Finessen hat er, nicht untypisch für Wanne, bei den "Falken" erlernt, der sozialdemokratischen Kinder- und Jugendorganisation. Das Mondlied gefällt ihm: "Wer schon mal am Kanal poussiert hat, so wie ich, kann das nur positiv empfinden."

Ihr rotverklinkertes Einfamilienhaus haben Helmut Hellwig, Enkel eines Bergmanns, und seine Frau, Tochter eines Bergmanns, ganz nahe der Gegend gebaut, in der beide aufgewachsen sind. Warum ist einer wie Hellwig, der gewiß auch anderswo Karriere hätte machen können, Wanne-Eickel immer treu geblieben? "Woanders hätten wir Heimweh." Und dann, das ist für ihn das Größte, hat er doch neulich bei einem Spaziergang zum erstenmal seit vielen Jahren wieder eine Nachtigall singen gehört! Daß sie die Nestwärme einer Kleinstadt spüren dürfen, inmitten der toleranten Riesenstadt Ruhrgebiet, das vor allem anderen mag es sein, was Wanne-Eickeler in Wanne-Eickel hält. Andere kleben aus dem gleichen Grund an Castrop-Rauxel oder Gelsenkirchen-Schalke.

Nein, Wanne-Eickel ist gewiß nicht auf die Weise schön, wie es Würzburg oder Bamberg ist. Nicht einmal das kommunale Werbeamt behauptet das. Schüchtern-trotzig setzt man dort auf die stille Einsicht des Fremden, daß kein Ort in Wahrheit so schaurig sein kann, wie der Name "Wanne-Eickel" klingt.

Dem Fremden fällt hier vor allem auf, wie leicht er einen Parkplatz findet. Eine schmale Seitenstraße des Haupteinkaufsboulevards, nach Mozart benannt, trug einst ein sehenswertes Glasdach. Schon seit einem halben Jahrhundert ist es nur noch auf Ansichtskarten zu bewundern. Heute, da Einkaufspassagen eine Renaissance erleben, trauern die Wanner ihrer demontierten nach.

Wie zum Trost haben sie die Mozartstraße wenigstens vom Autoverkehr befreit. So hat auch der kleine kreisrunde Platz in ihrer Mitte seine Ruhe zurück. Er erinnert an ein intimes Theater, in dem gerade nichts gegeben wird. Der Passant steht auf der Bühne, die Balkone in den eingewölbten Jugendstilfassaden links und rechts könnten Logen sein. In einem Haus eine Kneipe – sie heißt "Zauberflöte". Gegenüber, hinter vergilbten Plakaten, residiert die DKP.