Wichtig

Alban Berg: "Jugendlieder". Natürlich haben alle einmal angefangen, früher, als wir es später erfahren durften. Die Berg-Erben ließen uns – und den hartnäckigen Bittsteller Dietrich Fischer-Dieskau – lange warten, ehe sie uns im oder zum hundertsten Geburtstag des Komponisten eine "Schatztruhe" (D. F.-D.) öffneten. Natürlich auch wissen wir heute, daß der erst Sechzehnjährige das nachahmte, was ihn umgab – und das war im Wien der Jahrhundertwende offenbar weit Interessanteres als heute; daß er aber auch schon "erahnen" ließ, wohin es ihn später einmal treiben werde. Wenn diese Lieder etwas verkünden, dann vor allem Bergs Reizbarkeit durch tiefe, ausdrucksstarke, meist schmerzvolle, dunkle und stille Texte, die sich der Heranreifende offenbar schon früh in seine Empfindung hineinschrieb, denen er dann, am Wortlaut entlang komponierend, Musik anpaßte, die zwischen Grieg und Skrjabin offenbar damals die Avantgarde stellte. Das Ende des Jahres 1904 bringt mit dem ersten Unterricht durch Arnold Schönberg offenbar auch neue strukturelle Einsichten, autonomes musikalisches Gestalten, zu einem Höhepunkt geführt in Altenbergs "Weinet, sanfte Mädchen". Diese neuen formalen Prinzipien machen Dieter Fischer-Dieskau und vor allem auch sein ansonsten fast schon zurückhaltender Partner Aribert Reimann sehr klug deutlich – Affektmusik, die sich ihre eigenen Wege sucht. Eine Weltpremiere also auf der Platte. Um so unverständlicher, daß die nicht leicht zu findenden Texte der Lieder – wieder einmal – nicht mitgeliefert werden (EMI 27 01 95 1).

Heinz Josef Herbort

Malerisch

"Vor der Flut – Hommage an einen Wasserspeicher". Auf der Suche nach einem Drehort für einen Film über die Trinkwassergewinnung wurde in der Kölner Südstadt ein Wunder von einem Raum entdeckt: ein unterirdischer, von Säulen und Gewölben getragener Wasserspeicher, zwanzig Millionen Liter groß. Eben restauriert, stand er noch leer und gab den Besuchern sein akustisches Wunder preis: einen Nachhall von äußerster Eigenart. "Man hört hier", berichtete ein Musiker, "ganz seltsame Klangphänomene." Die Obertöne würden hervorgehoben, "und bevor ein Ton ganz weggeht, kommt er noch mal und geht wieder weg und kommt noch mal". 46 Sekunden sei der Nachhall zu hören. Das städtische Unternehmen verschob die Inbetriebnahme um einen Monat und ließ die Musiker gewähren. So entstand "vor der Flut" dieses eigenartige, faszinierende, manchmal überwältigende, manchmal auch langatmige, musikalisch nicht immer sehr ergiebige Klangspektakel. Alle Musiker kosten das Wunder aus – der argentinische Panflötist Dario Domingues wie der DDR-Posaunist Conrad Bauer, der Baßklarinettist Büdi Siebert wie die Kölner Saxophon Mafia, die New Yorker Sängerin Jana Haimsohn wie Joe Koinzer mit Balaphon und Gongs. Die meisten machen des Nachhalls wegen nur wenige Töne. Am einfallsreichsten erobern sich die Musiker der vierten Schallplattenseite den reflektierenden Säulensaal: das Trio Basso mit einer borstigen Streicheretüde, das Perkussions-, Geigen-, Posaunentrio Dähn, Hamm, Höhler mit einem unerwartet nuancenreichen Klanggemälde; Heiner Goebbels schließlich gewinnt dem unheimlich tönenden Gewölbe einen "Vorfilm für Herbert Achternbusch" ab und nennt sein dramatisch lärmendes Stück "Die Sintflut". Man muß diese (oft meditativen) Klangbilder, natürlich, möglichst laut hören. (2 LP; Eigelstein/EfA-Vertrieb 17-6025/26) Manfred Sack

Unpoliert

Jeffrey Lee Pierce: "Wildweed". Dieses quasi "live im Studio" produzierte Solo-Debüt ist paradoxerweise Vorbildern (wie Television, Velvet Underground, ein wenig sogar dem frühen Mink DeVille bei "Love Circus" und Bo Diddley mit "Hey Juana") hörbar stärker verpflichtet als die Platten, auf denen Pierce mit seiner Gruppe The Gun Club zu hören ist. Da klingt "Wildweed" mit den geglätteten, weniger provokanten Dissonanzen beinahe schon wieder wie Mainstream-Gitarrenrock. Was diese Schallplatte davor bewahrt, als epigonal abgetan zu werden, ist ein schierer emotionaler Kraftakt: Pierce, der "eigentlich" gar nicht singen kann, singt, als ginge es um sein Leben. Und die ungehobelte Produktion trägt entscheidend zum Eindruck jenes Garagen-Gefühls bei, wie es ähnlich frühe Doors-Aufnahmen prägte. Dieser besondere Reiz mag sich bei späteren Aufnahmen womöglich rasch abnutzen; hier jedenfalls überzeugt die Spontaneität, mit der der amerikanische Sänger und seine britischen Begleitmusiker im Studio auf alle Arrangeurs-Tüfteleien verzichteten. (Virgin 207 130) Franz Schöler