Von Ralf Dahrendorf

Im "Kommunistischen Manifest" findet sich die wichtige Beobachtung von Marx und Engels, daß das Lumpenproletariat, "diese passive Verfaulung der untersten Schichten der alten Gesellschaft", keineswegs revolutionär ist: "Seiner ganzen Lebenslage nach wird es bereitwilliger sein, sich zu reaktionären Umtrieben erkaufen zu lassen." Ähnlich hat Theodor Geiger in seiner frühen Analyse der nationalsozialistischen Wahlerfolge 1932 von dem "Bodensatz in der Arbeiterbevölkerung" ("meist schlechtbehütete Kriegsjugend") gesagt, daß diese Gruppe "sich nach rechter Landsknechtsart zu Abenteuer und Fehde verdingt, ohne viel zu fragen, wem sie Faust, Knüppel und Schlagring leiht". Geiger beschreibt die raschen und kurzlebigen Übergänge von Rotfrontkämpfern zu SA-Leuten und umgekehrt.

Das hat etwas zu tun mit der Unterklasse, und sogar mit den Ereignissen im Brüsseler Heysel-Stadion, die der Ausgangspunkt dieser raschen Reise durch die "Englischen Krankheiten" sind. Las man nicht, daß hinter den Ausschreitungen rechtsextreme Gruppen standen, ja sogar daß es vor dem Europapokal-Endspiel ein Treffen zwischen belgischen und englischen Neonazis gegeben haben soll? Das mögen Gerüchte sein. Sie führen indes zu einer nachdenklichen Überlegung.

Die neue Unterklasse der inneren Städte, an der das Zerbrechen der alten Mechanismen sozialer Kontrolle so deutlich wird, ist in der Tat nicht revolutionär. Sie wird auch nicht nach Westminster marschieren, um dort von den Parlamentariern konkrete Maßnahmen zu verlangen. Die Wahrscheinlichkeit ist groß, daß ihre Mitglieder weder wählen noch politische Institutionen zur Kenntnis nehmen. Nur die Polizei nehmen sie zur Kenntnis, als Inbegriff dessen, was ihnen zu der geltenden Ordnung hinderlich und zuwider ist. Im übrigen drücken sie ihren Unwillen meist individuell, durch Einbrüche, Diebstähle, Straßenverbrechen, und gelegentlich durch gewaltsame Demonstrationen – durch riots aus.

Riots, das sind in der unnachahmlichen Definition des englischen Rechts "tumultartige Störungen des Friedens durch drei oder mehr Personen, die sich in der Absicht versammeln, einander wenn nötig mit Gewalt gegen jeden zu helfen, der sich der Ausführung ihrer gemeinsamen Absicht widersetzt, und die diese Absicht in gewaltsamer Weise ausführen oder auszuführen beginnen, so daß zumindest eine Person von gewöhnlichem Standvermögen und Mut dadurch alarmiert wird". Es sind, mit anderen Worten, gewaltsame Zusammenrottungen, die die friedliche Umwelt in Angst und Schrecken versetzen.

Davon gibt es in England in diesem Jahrzehnt viele. Beinahe jede Massenversammlung trägt in sich den Keim zum riot, das Hippie-Fest in Stonehenge, der Bergarbeiterstreik, das früher so fröhliche Silvesterfest auf dem Trafalgar Square, die Frauendemonstration gegen Raketenstationierung in Greenham Common – doch sind politisch vor allem zwei Arten von riots wichtig. Das eine sind die Revolten vor allem farbiger junger Briten, für die Toxteth und Brixton extreme Beispiele geliefert haben. Das sind ohnmächtige Wutausbrüche einer gleich mehrfach benachteiligten Gruppe. Das andere sind Krawalle, die durch vornehmlich weiße junge Leute angezettelt werden. Das Wort hooligan, im Russischen lange schon geläufig, hat sich jetzt auch bei uns für solche Menschen herumgesprochen. Die Politik der hooligans ist fast immer tendenziell rechts.

Man erinnert sich hier an jenes Phänomen der amerikanischen Südstaaten, das unter dem Namen poor white trash bekannt geworden ist. Das ist der Bodensatz armer Weißer, die ihre mißliche Lebenslage in rassisches Ressentiment übersetzen und sich zugleich gegen die öffentliche Ordnung und gegen diejenigen wenden, die mit ihnen sozial konkurrieren. Sie verbinden die Bereitschaft zum Randalieren mit Herrenvolk-Allüren. Hier hat Chauvinismus seinen Sitz, aber eben zugleich auch die Bereitschaft zu Straßenschlachten. Dies ist der trübe Teich, in dem die Nazis in der Weimarer Republik gefischt haben; in ihm fischt auch die englische National Front.