Etwa zehn bis 15 Prozent der muslimischen Weltbevölkerung gehören zur schiitischen Konfessionsgemeinschaft des Islam. Die bedeutendste Gruppe ist die der Zwölferschia. Ihre Hochburgen liegen seit Jahrhunderten im Südirak und im Iran. Wichtige, religiös-politisch aktive zwölferschiitische Minderheiten gibt es in Afghanistan, im sowjetischen Mittelasien, in der Türkei, auf Bahrain, in den Küstenregionen der arabischen Golfländer und – im Libanon.

Der Name „Zwölfer“ bezieht sich auf eine Reihe von zwölf Führern (Imamen) aus der Familie des Propheten Mohammed. Um sich von den an Zahl weit überlegenen Sunniten abzuheben, nennen sich die Zwölferschiiten die „Besonderen“ oder die „Ausgezeichneten“. Für die Sunniten sind alle Schiiten schlicht „Abtrünnige“.

Das entscheidende Kriterium für die Zugehörigkeit zur Zwölferschia ist die Anerkennung der Imam-Reihe und das Bekenntnis zur absoluten Autorität dieser spirituellen Führer. Der Heldentod des Prophetenenkels Hussein, des dritten Imam in Kerbala am Euphrat (680 n. Chr.), prägt das Geschichtsbild der Zwölferschiiten – ein Martyrium, das vielen heutigen Kämpfern als Vorbild dient.

Der zwölfte Imam ist nach schiitischer Lehre nicht gestorben, sondern lebt durch ein göttliches Wunder bis heute im Verborgenen.

Im Jahre 1926 schrieb R. Strothmann über die Zwölfer: „Mit der Stirn auf dem heiligen Boden der Gräbergnadenorte liegend; weinend allezeit das Sterben ihrer Herren an ihrem Leibe tragend; bei Verfolgungsgefahr ihr Bekenntnis durch Verstellung verhüllend; vom offiziellen Islam unbefriedigt gelassene Seelenaffekte fein witternd und in leisetretender, aber ebenso geschickter wie unermüdlicher Propaganda ausnutzend; an Fürstenhöfen mit feiner listiger Diplomatie arbeitend; im Eifer um ihre Märtyrer fremden „Ketzern“ den Märtyrertod bringend; in den Kriegslagern von Welteroberern brutale Kräfte nach ihren Zielen lenkend – das ist die Schia.“

Nach: Ende/Steinbach (Hrsg.) „Der Islam in der Gegenwart“, München, 1984