Obwohl unsere Städte momentan touristisch sehr erfolgreich sind, warnen Fremdenverkehrspolitiker vor allzuviel Selbstgefälligkeit.

Reisen in deutsche Städte sind momentan bei hiesigen Touristen beliebter als je zuvor. Im vongen Jahr brachte es das städtische Beherbergungsgewerbe auf rund 37 Mio. Übernachtungen. Das sind fast 15 Prozent aller registrierten Übernachtungen in der Bundesrepublik überhaupt. Nach den Erhebungen des Starnberger Studienkreises für Tourismus ist die Städtereise sogar die zweithäufigste Urlaubsform, im wachsenden Kurzreisemarkt absoluter Spitzenreiter. Dabei prognostizieren alle Experten der Kurzreise (1984 reisten 15,5 Mio. Bundesbürger zwischen zwei und vier Tage) einen weiteren Aufwärtstrend.

Diese Meinung vertrat auch Dr. Olaf Feldmann, FDP-Bundestagsabgeordneter, Fremdenverkehrsexperte und gleichzeitig Vorsitzender des Hotel- und Gaststättenverbandes Baden-Württemberg, in seinem Referat anläßlich des ersten Deutschen Fremdenverkehrstages in Bonn.

Der Politiker lobte insbesondere das breitgefächerte touristische Angebot, das sich die deutschen Städte geschaffen haben. Allerdings kritisierte er, daß zwei Drittel aller städtischen Übernachtungen in 18 Orten, in den sogenannten "big eight" und in den "historischen Zehn" registriert werden. "Es muß auch für kleinere Städte möglich sein, attraktive Programme zu entwickeln und diese offensiv zu verkaufen", riet Feldmann. Darum ist es seiner Meinung nach erforderlich, daß neue Marketing-Perspektiven entwickelt und die Gäste befragt werden, um daraus neue Programme und Verkaufsstrategien abzuleiten.

Genau diese Marketing-Analyse zum Städte- und Kurzreisetourismus fordert ebenfalls der Deutsche Fremdenverkehrsverband. Laut Auskunft des Hauptgeschäftsführers Jürgen Werner sind die Mittel für eine solche Untersuchung seit längerem beim Bundeswirtscnaftsministerium beantragt worden. Da es während des Deutschen Fremdenverkehrstages zum ersten "Gipfeltreffen" mit Minister Dr. Martin Bangemann kam, wurde auch darüber sicher geredet.

Daß verkehrspolitische Maßnahmen wie die Einführung des IC-85-Konzeptes, das das Bahnfahren zwischen den Städten komfortabler und schneller machen soll, auch den Tourismus fördert, dürfte außer Zweifel stehen. Insbesondere der in Entwicklung befindliche ICE-Fernschnellzug wird diesem Marktsegment neue Impulse geben, wie Beispiele in Frankreich beweisen.

Auf wenig Gegenliebe stieß Bundesverkehrsminister Dr. Werner. Dollinger allerdings bei seinem SPD-Amtsvorgänger Dr. Volker Hauff mit der Ankündigung, er werde auch das Fernstraßennetz weiter ausbauen. "Um unsere Städte für die dort lebenden Menschen und die Touristen attraktiv zu halten, müssen wir den Straßenbau auf das Notwendigste beschränken, eventuell sogar bestehende Straßen wieder abbauen", forderte Hauff in Bonn. Er nannte eine Reihe von Maßnahmen, um die Stadtentwicklung den aktuellen Erkenntnissen des Landschafts- und Umweltschutzes anzupassen. So sollte der individuelle Autoverkehr durch die Förderung des öffentlichen Personennahverkehrs in Ballungszentren weiter zurückgedrängt werden. "Deshalb", so Hauff, "heißt es auch Abschied nehmen von einem lang gepflegten Konzept, das für die Städter Freizeit- und Naherholungsmöglichkeiten fast ausschließlich in autogerechter Entfernung an der Peripherie schuf." Solche Einrichtungen gehören seiner Meinung nach zukünftig direkt ins Wohnungsumfeld und sind damit auch für die Touristen leichter zu erreichen.