Von Egbert Baqué

Ein Trauerspiel. Jahrelang wollten deutsche Verlage, aus ökonomischen Gründen, moderne chinesische Literatur in ihre Verlagsprogramme nicht aufnehmen. Dann wird in Berlin ein „Horizonte-Festival der Weltkulturen“ gefeiert – und schon hagelt es Druckerzeugnisse – „Bücher“ kann man es nicht immer nennen. Wir wollen uns nur einmal mit der von Wolfgang Kubin herausgegebenen Anthologie „Nachrichten von der Hauptstadt der Sonne. Moderne chinesische Lyrik. 1919-1984“ (edition suhrkamp, Suhrkamp Verlag, Frankfurt, 1985; 246 S., 14,– DM) beschäftigen. Ein Doppelmord – an der deutschen Sprache und an der chinesischen Literatur.

Wolfgang Kubin ist sicher ein hervorragender Sinologe, ein Kenner der chinesischen Literatur. Doch sollte sich Literatur chinesischer Sprache, ins Deutsche übertragen, wieder in Literatur verwandeln. Im Vorwort des Herausgebers und Übersetzers lernen wir zunächst, daß es einen chinesischen Dichter gibt, der „nur sagt, was er sagt“. Und, für einen deutschen Gelehrten ist das eine Selbstverständlichkeit, wird Hokuspokus die wissenschaftliche Formel „A=A“ in Klammern angefügt. Nach meiner bescheidenen Meinung gibt es durchaus Dichter, die „sagen, was sie meinen“. Es gibt solche, die nur „sagen“ – das sind wohl die Repräsentanten des „l’art pour l’art“. Es gibt auch einige, die nur „meinen“. Das sind meist die Nichtssagenden. Die guten Dichter tummeln sich irgendwo dazwischen. Aber „sagen, was sie sagen“ tun sie doch eigentlich alle, oder? Natürlich gibt es in China inzwischen auch „obskure Dichter“, gute Dichter, die offensichtlich nicht sagen, was sie meinen. Oder vielleicht doch? Naja, das ist wohl schon Chinesisch.

Üben wir zunächst Griechisch: Auf dem humanistischen Gymnasium habe ich gelernt, daß das griechische Wort „metron“ „Maß“ bedeutet, daß die Verslehre „Metrik“ heißt, die Lehre vom taktmäßig-rhythmischen Bau der gebundenen dichterischen Sprache. Was aber meint Kubin mit dem „metrischen Maß“? Was sagt das Fremdwörterbuch? Sieh da: „Metrisches Maßsystem: Gesamtheit aller Maßeinheiten, die sich auf dem Meter als Grundeinheit aufbauen.“ Aha. Die Takteinheiten im chinesischen Vers messen also mindestens einhundert Zentimeter. Die haben Platz, denk ich mir, ist ja ein Riesenreich.

Wir stürzen jetzt mit Riesenschritten auf den Schluß des Vorworts zu, eine Danksagung, lyrisch, wie es sich für einen Lyrikband gehört: „In Cabbio danke ich dem Bäumchen über der Alpe di Germania für die Suche nach dem Titel dieser Anthologie ...“ Drei Zentimeter weiter unten, neben dem Namen des Herausgebers: „Hangzhou im November 1984“. Wo denn nun? Cabbio klingt nach Italien, Hangzhou ist eine wunderschöne Stadt in China. ‚Es muß dem Autor sehr heiß geworden sein. Kein Wunder, wenn das Bäumchen in der Gegend herumflitzt und einen Buchtitel sucht. Kein Baum, kein Schatten.

Nun zu den Prosagedichten Lu Xuns. Lu Xun (1881-1936) gilt als Wegbereiter, als „Vater“ der modernen chinesischen Literatur. Er wird oft mit Gorkij verglichen, mit Brecht, auch mit den europäischen Aufklärern des 18. Jahrhunderts. Kurz, Lu Xun ist unbestritten der bedeutendste chinesische Schriftsteller dieses Jahrhunderts. Kubin hat von vierundzwanzig Texten, die Lu Xun 1927 in seiner Sammlung „Wilde Gräser“ veröffentlichte, immerhin acht neu übersetzt. Neu übersetzt heißt: Es gibt bereits eine deutschsprachige Ausgabe der „Wilden Gräser“, 1978 im Pekinger Verlag für fremdsprachige Literatur erschienen. Mit dieser in deutschen Buchläden kaum auffindbaren Ausgabe wollen wir Kubins Übersetzung vergleichen.

Das Prosagedicht „Herbstnacht“ beginnt bei Kubin so: „Jenseits der Mauer in meinem hinteren Garten kann man zwei Bäume sehen, der eine ist ein Dattelbaum, und der andere ebenfalls.“ Ich weiß nicht, ob Lu Xun noch über einen „vorderen Garten“ verfügte. Ich verstehe auch nicht, warum Kubin die umständliche Konstruktion mit „man“ wählt. Die Pekinger Ausgabe brilliert mit klarem Deutsch: „In dem Garten hinter meinem Haus stehen dicht an der Mauer zwei Bäume. Der eine ist ein Dattelbaum, der andere ist auch ein Dattelbaum.“ Weiter im Text. Kubin übersetzt: „Der Nachthimmel über ihnen ist seltsam hoch, nie habe ich einen so seltsam hohen Himmel gesehen.“ Peking meldet: „Der nächtliche Himmel über ihnen ist seltsam und hoch. In meinem ganzen Leben haben ich keinen so seltsamen, (Komma!) hohen Himmel gesehen.“ Das ist ein Unterschied. Im chinesischen Original steht denn auch „qiguai er gao“. Das bedeutet eben „seltsam und hoch“.