Von Hansjakob Stehle

Mag sein, daß die Italiener dem mustergültigen Moralisten in der Politik oft die "furbi" vorziehen – die Schlauen und Verschlagenen –, "um sich dann über eben diese zu beklagen". So meinte einst etwas melancholisch Francesco Cossiga. Aber dieser Christdemokrat, der nun, so schnell und einmütig wie nie zuvor in der italienischen Nachkriegsgeschichte, zum Staatsoberhaupt gewählt wurde, entspricht solcher Volksmeinung so wenig wie der Sozialist Sandro Pertini, den er ablöst.

Gewiß, hätten nicht tausend Parlamentarier aller Parteien, sondern deren Wähler abstimmen können, dann wäre Pertini trotz seiner fast 89 Jahre und mancher (nicht nur dadurch bedingten) verzeihlichen Schwächen wohl Präsident geblieben. Sein Auszug aus dem Quirinalspalast sei nun zwar fällig, doch hinfällig sei er selber keineswegs, scherzte Pertini, als er sich mit dem Nachfolger noch am Abend der Wahl in einem Restaurant zum Essen traf.

Die Bürger liebten den alten Herrn nicht nur, weil er stets unter die Leute ging und ihnen "aufs Maul schaute", ohne ihnen nach dem Mund zu reden. Sie verehrten ihn auch, weil er sich nicht in die Schablonen der Politikerkaste einfügte, ihr sogar manchen Schabernack spielte ("furbo" auf seine Weise) und doch großen politischen Stil überzeugend verkörperte. Zuletzt tat er es noch Mitte Juni in Straßburg, wo er Amerikanern und Sowjets für die Befreiung Europas vom Nazifaschismus dankte und das heutige Deutschland – unter Berufung auf Willy Brandt und Bundespräsident von Weizsäcker – gegen moralische Diskriminierung in Schutz nahm: "Wir sind Europäer, also sind wir auch Deutsche."

Konnte der würdige Nachfolger eines solchen Präsidenten aus dem üblichen Machtspiel der Parteien, aus ihren internen Eifersüchteleien hervorgehen? Unter den christdemokratischen "Patriarchen" bot sich mancher Name an. Der Sozialist Craxi, brennend interessiert, noch möglichst lange Regierungschef der Fünfer-Koalition zu bleiben, konnte nicht sehr wählerisch sein. Er hätte nur gern die Kommunisten, die er ebenso formal wie die Neofaschisten konsultierte, aus dem Spiel gelassen. Der christdemokratische Parteichef de Mita jedoch riskierte es gegen alle Landessitten, mit unverdeckten Karten zu spielen: Wenn schon der Präsident der Republik laut Verfassung "die Einheit der Nation repräsentiert", dann müsse man ganz offen die Zustimmung der zweitgrößten Verfassungspartei, der KPI, gewinnen, ohne dabei der Versuchung zu "historischen Kompromissen" zu erliegen. KPI-Chef Natta, angeschlagen von zwei Wahlniederlagen, stimmte zu, freilich unter der Bedingung, daß de Mita die eigenen, so oft auseinanderflatternden Parteiflügel auf Francesco Cossiga vereinen konnte.

305 von 329 christdemokratischen Parlamentariern stimmten für Cossigas Kandidatur. "Die Christdemokraten sind in einer Krise – sie streiten sich nicht mehr", spöttelte ein Beobachter. "Mit dieser Methode habt Ihr die Kommunisten wieder in den Vorhof der Regierungsmehrheit eingelassen", murrte Donat-Cattin, einer der wenigen Opponenten. Dabei hätte gerade er allen Grund gehabt, einen Kandidaten zu begrüßen, der sich in schlimmen Augenblicken als Mensch, nicht nur als Politiker und Parteifreund bewährt hatte.

"Ein Trostwort – ich schwöre es – nichts sonst", hatte Cossiga 1980 als Ministerpräsident einem unglücklichen Vater namens Donat-Cattin gesagt, dessen Sohn als flüchtiger Terrorist auf der Fahndungsliste stand. Dennoch hatten die Kommunisten darauf bestanden, Cossiga vor einen Untersuchungsausschuß zu ziehen, der den Regierungschef vom Verdacht des Geheimnisbruches freisprach. Damals war zum ersten Mal das Gespräch abgerissen, das ihn – nicht nur aus verwandtschaftlichen Gefühlen – über alle politischen Gegensätze hinweg mit seinem Vetter zweiten Grades, dem 1984 verstorbenen kommunistischen Parteichef Berlinguer verbunden hatte.