Von Rudolf Walter Leonhardt

Die meisten Deutschen kennen drei Rumänen: Raducanu (Borussia Dortmund), Ceausescu (Staatspräsident in Bukarest) und Graf Dracula (Vampir, nach dem Vorbild eines rumänischen Fürsten des 15. Jahrhunderts, im 20. erfunden von einem Iren).

Ähnlich grob gestrickt sind unsere Vorstellungen von Rumänien überhaupt, die ja die meisten von uns aus zweiter Hand haben: Das Land ist arm und verschuldet, eine kommunistische Diktatur mit Personenkult, die ihre Minoritäten – Bevölkerungsgruppen vor allem ungarischer und deutscher Herkunft – schlecht behandelt und vertreibt. Stimmt das so wirklich?

Es war ein guter Einfall der Hamburger CDU-Fraktion, deren aufgeschlossener Vorsitzender Hartmut Perschau oft gute Einfälle hat, wie 1981 in die DDR und 1983 in die Tschechoslowakei dieses Jahr nach Rumänien zu fahren. Schon am zweiten Tag fing unser Rumänien-Bild aus zweiter Hand an zu kippen. Am Ende waren alle verwirrt und nachdenklich. "Wir haben nicht gewußt, wie die Dinge hier wirklich liegen" (Hartmut Perschau). Das Wort Alexander von Humboldts hat sich wieder einmal bewährt: Ehe sich einer eine Weltanschauung bildet, sollte er sich doch vorher die Welt anschauen.

Verläßt man sich ganz auf die Statistiken, dann erscheint Rumänien in der Tat als der ärmste unter den Ostblockstaaten. Und von den ersten Eindrücken wird das auch bestätigt. Überall stehen die Leute Schlange, in Bukarest wie in Hermannstadt (Sibiu) wie in Kronstadt (Brasov) – für Fleisch, für Brot, für Zucker, für Gemüse – auch für Kinokarten.

Dann freilich sieht man auf dem Markt in Bukarest einen Stand mit Karotten und Bohnen, vor dem eine lange Schlange steht; und gleich gegenüber kann man die gleichen Karotten und Bohnen zum gleichen Preis ohne Anstehen bekommen.

Da fällt einem der makabre Ostblock-Witz ein von dem Mann, der sich nur einmal an eine Wand gelehnt hatte, um auszuruhen. Bald hatte sich eine lange Schlange hinter ihm gebildet. Keiner wußte, warum er da stand – außer dem ersten. Gefragt, warum denn er nun nicht weggehe, antwortete der: "Ich bin doch nicht verrückt. Wenn ich schon mal in einer Schlange an der Spitze stehe ..."