Zwei Heroen der deutschen Geistesgeschichte, ohne die unser Ästhetikbegriff gewiß anders aussähe, wären jetzt 100 Jahre alt: Georg Lukács (am 13. April) und Ernst Bloch (am 7. Juli); sie gelten als Freunde und Kampfgefährten. Und waren es recht eigentlich nicht.

Für Bloch, von früh an ein lebensfroher, den Wein liebender Mann, für den die Frauen (wie seine Briefe zeigen) desto schöner, je höher ihre Mitgift, war das Wesen der Kunst ‚ die Unruhe, das Unfertige; "ein Meisterwerk sieht nie aus wie ein Meisterwerk".

Für Lukács, einzigem Sohn aus vermögendem Budapester Adelshaus, von früh an die Askese dem Leben vorziehend, den Frauen das Werk, war das Wesen der Kunst die Harmonie, das Klassisch-Strenge; Max Weber hatte über Lukács gesagt, "letztes Ziel der Kunst ist für ihn die Erlösung von der Welt, nicht in ihr".

Die alte Welt zerbohren und zernichten, aus ihr die Verheißung einer neuen zu keltern – das sah Ernst Bloch als Chance der Kunst; von Kafka über Picasso zu Eisler und Brecht; von Joyce über Malewitsch zu Prokofieff und John Heartfield: "Der Mensch ist noch nicht dicht".

Die alte Welt im Äußeren zu vernichten, aber ihre verschüttete Verheißung hinüberzuretten in eine neue – das sah Georg Lukács als Aufgabe der Kunst. Balzac und nicht Flaubert, Thomas Mann und nicht Brecht und Beckett schon gar nicht; "Der Mensch ist ein für die Harmonie geschaffenes Wesen".

Materie ist Schoß der Formen

Für Ernst Bloch ist das wahre Kunstwerk immer Fragment. Es kann immer nur Annäherung sein, Versuch, eine (verborgene) Wahrheit zu entbinden, deren wir in Gänze nie teilhaftig werden können. Er zitiert Franz Marc: "Bilder sind unser eigenes Auftauchen an einem anderen Ort". Hinter jedem Gedicht, jeder Prosa liegt etwas, das wir nicht kennen: "Die Paradiesesschlange ist dann sozusagen die Raupe der Göttin der Vernunft", sagt Bloch in seiner Analyse von Brechts Seeräuberjenny. Hier liegt Blochs Materie- (und: Materialismus-) Begriff: Materie ist "Schoß der Formen". Deswegen liebt er Flauberts Satz "Ce qui n’est pas forme, n’existe pas"; deswegen liebt er das Gerücht, Michelangelo habe in jedem Marmorblock die in ihm "schlafenden" Gestalten gesehen: Materie ist nicht Sein, sondern Können.