Neues Hotel – erneuerte Altstadt

Von Manfred Sack

Natürlich, merkt der Bauherr mit ironischer Bescheidenheit an, könne man sein kleines Bonner Hotel nicht an den größten und feinsten der großen Welt messen. Aber, gibt er zu bedenken, "vielleicht ist es ein bißchen das L’Hotel in Paris (die Rotunden!). Oder das Lord Byron in Rom (die Zimmer!). Oder auch nur das Blakes in London (das Private!)". Ganz gewiß aber ist das neue, von keiner Hotelkette beschwerte "Privat-Hotel Domicil" in Bonn ein Beispiel für jene Variante der zeitgenössischen. Architektur, die aus bloßer Verlegenheit die postmoderne genannt wird. Es spielt mit Erinnerungen: mit alten Formen. Oft scheint es aber nur so. Denn das Fundament, auf dem sich diese virtuose Etüde entwickelt, ist keine andere als die vielgescholtene Moderne, besonders die von Wien.

Gewiß hat dieser kleine kompakte Gebäudekomplex auch etwas Modisches an sich. Aber das ist hier, vom Hotelgast als Ermunterung auf der Reise genossen, nicht nur erträglich, sondern sogar amüsant. Die kurzweilige Eleganz läßt jedenfalls einen aus Lust einfallsreichen Architekten erkennen, der ein Vergnügen daran hat, mit äußerster Sorgfalt zu arbeiten und auch nicht eine Kleinigkeit dabei für nebensächlich zu halten. Also ist es erlaubt, das Anfang Juni eröffnete Reise-Domizil an der Thomas-Mann-Straße in Bonn eine Pretiose zu nennen.

Ihr Architekt, der 37 Jahre alte Kölner Thomas van den Valentyn, ist unübersehbar ein Schüler des Wieners Hans Hollein (und als sein Mitarbeiter am Museum für Mönchengladbach gut trainiert). Man erkennt den Lehrer (und Meister) vor allem an der Präzision der Erfindung, an der Wahl und am Umgang mit ausgesuchten Materialien. Der eigene Kopf aber zeigt sich in der Souveränität des Entwurfs – und am Interesse an eben diesem Bauplatz in Bonn, zwischen Hauptbahnhof und Stadt(hoch)haus. Denn es sind ja zwei Phänomene, womit diese architektonische Unternehmung Aufmerksamkeit auf sich zieht. Zum einen ist es die Architektur, außen wie innen, zum anderen die damit erreichte Stadtsanierung durch Stadterhaltung. Das Hotel ist ein wohlgeratenes Beispiel für das viel beredete, selten gekonnte "neue Bauen in alter Umgebung", auch für die Verwendung alter Gebäude in einem neuen Zusammenhang.

Vorraussetzung für den Coup war ein aufgeschlossener, seinem Architekten gänzlich vertrauenden, zu Außergewöhnlichem bereiter und mit Freuden freigiebiger Bauherr. Er heißt Bernd Domscheit. Bonn hat von ihm die Steigenberger-Katastrophe gegenüber dem Kanzleramt hinnehmen müssen; es verdankt ihm die wohlgeratene Kaiser-Passage zwischen Münster und Bahnhof; nun hat er sich zu diesem kleinen, 42 (und meist ganz verschieden aussehende) Zimmer enthaltenden, privat wirkenden (und auch so deklarierten), zentral gelegenen (aber ruhigen) Hotel überzeugen lassen. Es ist so fein gearbeitet wie ein Schmuckstück. Seinen Witz und seinen Charme entfaltet es vor allem am Hof und im Innern.

Außen wird es von flüchtigen Augen leicht übersehen, weil es dem spätklassizistischem Straßenbild so distinguiert eingeordnet ist. Wer indessen die Fassade genau betrachtet, erkennt in ihr so etwas wie den Bühnenvorhang für eine geistreiche Boulevardkomödie. Man bemerkt da zum Beispiel: ein schräges Dachgesims; aus Stein geschnittene Säulen zwischen hohen schmalen Fenstern, davor leicht nach außen gewölbte Geländer; steinerne Fensterleibungen, dreigeteilt, bündig in die schlichte Putzfassade eingefügt; zwei, den Eingang flankierende Halbsäulen aus etwas dunklerem Muschelkalk, anderthalb Geschosse hoch; ein flach gewölbtes Glasdach dazwischen, das aber schief in der Fassade steckt, weil es sich nicht nach ihr, sondern nach der Passage richtet, die schräg durch das Haus in den Hof führt. Man findet nichts, das unüberlegt oder in letzter Minute gepfuscht worden wäre. Das Hotel, das sind sieben verschieden große Häuser von verschiedener Gestalt aus verschiedenen Zeiten. Drei davon sind alt: ein klassizistisches Wohnhaus an der Straße, eine ehemalige Schlosserei und ein technisches Büro hinten am Hof, allesamt maßvoll dem neuen Inhalt anverwandelt.