Seit einem Jahr ist Richard von Weizsäcker Bundespräsident Rasch ist er zur moralischen Instanz der Nation geworden.

/ Von Nina Grunenberg

Richard von Weizsäcker ist seit einem Jahr Bundespräsident. Sichtbare Probierbewegungen mußte er nicht machen, um in sein Amt hineinzuwachsen. Er war bereit, als er antrat, und übte seine Pflichten aus, als wäre er dafür geboren. Obwohl er selber den größten Wert darauf legt, den Anstrich des Elitären zu vermeiden, scheint der rote Teppich für ihn immer der richtige Fleck zu sein. Dabei hatte er schon während seiner Kandidatur wenig Zweifel daran gelassen, daß er nicht nur "der goldene Knauf auf der Fahnenstange" sein wollte. Nach eigener Einsicht und Verantwortung "zu tun, was er mußte", war sein kategorischer Imperativ: Standortbestimmungen zu geben und Orientierungen zu versuchen, gehörte von Anfang an zum Konzept seiner Präsidentschaft.

Die Zielstrebigkeit, mit der er die von der Verfassung gewollte Ohnmacht des Staatsoberhauptes in einen geistig-moralischen Anspruch ummünzte, rief eine enthusiastische Welle der Zustimmung hervor. Sie offenbarte nicht nur tiefen Respekt vor einem Mann, der die romantische Sehnsucht nach einer "Herrschaft der Besten" wachrief; sie strafte auch Johannes Gross lügen, der vor Jahren befunden hatte: "Im Grunde ist der Bundespräsident funktionslos; eine Spitze, auf die nichts zuläuft."

Das Bild verklärte sich vollends nach Weizsäckers Rede zur vierzigsten Wiederkehr des 8. Mai 1945. Die Entschiedenheit, mit der er das Geschichtsbuch in die Hand nahm und auf die Ewigkeit zielte, wurde nach der Pein von Bitburg von vielen als die große Befreiung empfunden. Er selber hatte seine Rede zwar auch für wichtig gehalten, doch die Intensität der Emotionen, die sie im In- und Ausland freisetzte, traf ihn unvorbereitet. "Ich hatte die Möglichkeiten des Bundespräsidenten für geringer gehalten", räumte einer seiner Mitarbeiter selbstbewußt ein. Für alle, die recht und billig denken, scheint Richard von Weizsäcker nach seinem ersten Amtsjahr nur eine Frage offen zu lassen: Warum können nicht alle Politiker sein wie er?

Doch es grummelt. Turbulenzen kündigen sich an. Warnlampen blinken auf. Unmutsfalten graben sich tiefer ein. Es war kein Zufall, daß es nicht einer von Weizsäckers alten Parteifreunden war, sondern Oppositionschef Hans-Jochen Vogel, der ihn zu der Rede am 8. Mai aufgefordert und gegen den schweigenden Widerstand von Bundeskanzler Helmut Kohl nachdrücklich ins Gespräch gebracht hatte. Es war wieder Vogel, der durchsetzte, daß Weizsäcker die Rede mediengünstig am Vormittag halten konnte und nicht, wie ursprünglich vorgesehen, in einer toten Stunde am Nachmittag, zwischen dem Auftritt des amerikanischen Präsidenten vor dem Europaparlament in Straßburg und dem ökumenischen Gottesdienst des Bonner Establishments im Kölner Dom. Schließlich war es auch der Oppositionschef, der dem Bundespräsidenten hinterher als erster für den Dienst dankte, den er der Nation mit seiner Rede geleistet hatte.

"Wir wußten schon, warum wir diesen Mann gewählt haben", rief der SPD-Abgeordnete Karsten Voigt nach der Feierstunde im Bundestag dem CSU-Abgeordneten Hans Klein (München) beim Hinausgehen zu. War das edel? Die Sozialdemokraten halten es offenbar für geschickt, Weizsäcker als Kronzeugen ihrer Politik vorzuführen und den Blick damit zugleich auf seine Blößen zu lenken: die mangelnde Begeisterung der CDU/CSU über die Art und Weise, wie er sein Amt ausfüllt. In der hochgereizten Bonner Atmosphäre kann dem Bundespräsidenten das Geplänkel der Parteien gefährlich werden.