Von Ulrich Schiller

Washington, Ende Juni

Der wilde Muskelmann, der nie ein Hemd, aber die Feuerkraft einer ganzen Kompanie über der Schulter trägt, wird an die Stätten der immer noch schmerzenden Niederlage entsandt: nach Vietnam. Regierungsbürokraten und Politiker brauchen Photos, Beweise für die Öffentlichkeit, daß die ehemaligen Kriegsgefangenenlager wirklich leer sind. Doch der Muskelmann findet noch Gefangene. Prompt lassen ihn die Politiker in Washington fallen wie eine heiße Kartoffel. Sowjetische Berater foltern ihn. Am Ende freilich bringt er die Gefangenen nach Hause, nicht ohne einige hundert der miesen kleinen Commies vorher in den Tod geschickt zu haben. Rambo: First Blood, Part II heißt der Film-Knüller. Es ist der größte Kassenschlager der Saison, vielleicht sogar aller Zeiten. Letzte Woche lief er gleichzeitig in über zweitausend amerikanischen Kinos.

Letzte Woche – das war, als die Flugzeugentführung von Athen in ein Geiseldrama mit hohem politischen Einsatz umschlug, als auf dem Frankfurter Flughafen eine Bombe explodierte, als sechs Amerikaner und sieben Salvadorianer von verkleideten Guerillas in einem Straßencafe in San Salvador niedergemacht wurden, als der junge Robert Stethem, den die Entführer der TWA-Maschine mißhandelt und erschossen hatten, auf dem Heldenfriedhof in Arlington beigesetzt wurde. Niemand hat Stethem helfen können. Und kein Supermann ist da, der wortlos, mit todsicherem Killerinstinkt und außerirdischen Kräften die Geiseln befreien würde.

Wie nur bringen die Millionen vorwiegend junger Leute, die in die Kinos drängen, um Rambound ihren Abgott Sylvester Stallone zu sehen, Wirklichkeit und Kintopp in ihren Köpfen zusammen? Vielleicht versuchen sie es gar nicht. Vielleicht fühlen sie sich nicht einmal dazu herausgefordert, weil der Rausch des Leinwanderfolges Ersatzbefriedigung genug ist. Für die meisten sind es doch nur Bilder – Kinobilder, Fernsehbilder.

Die Stimmen der Rambo-Fans aber gleichen in verdächtiger Weise jenen, die sich nachts in der Larry-Show Gehör verschaffen. Das ist eine Radio-Sendung mit Höreranrufen aus allen Ecken des Kontinents, oft genug ein "Frust"-Ventil. Letzte Woche schallte es denn auch tief aus der Seele des Volkes: wie man am besten West-Beirut einäschern und alle Schiiten zu ihrem Propheten befördern sollte. In der Baltimore Sun äußert die bekannte Kolumnistin Ellen Goodman die Befürchtung, ob nicht immer mehr Amerikaner das Bedürfnis haben, zu jenen aufzuschauen, die wie Rambo aus Urinstinkten handeln.

Ellen Goodmans Sorgen sind gewiß nicht grundlos, obwohl es schwierig ist, ein verläßliches Barometer für die Stimmung im Lande zu finden. Sie ist nicht die gleiche wie in jenen Tagen vor fünfeinhalb Jahren, als das Geiseldrama in Teheran seinen schlimmen Lauf nahm. Das Ereignis damals schien wuchtiger: mit der Besetzung der amerikanischen Botschaft, den täglichen Demonstrationen fanatischer Studenten. Auch war es über alle Maßen peinigend für die Öffentlichkeit, in der stereotypen Aktualität der Fernsehbilder Tag für Tag, Woche um Woche der Erniedrigung Amerikas hilflos zuschauen zu müssen.