Hitler auf dem Rütli – Seite 1

Oder wenn die Wehrmacht die Schweiz nicht erobert hätte

Im Frühjahr 1940 standen NS-deutsche Truppen auch an der Schweizer Grenze. Die Eidgenossen erwarteten den Angriff der "Großdeutschen Wehrmacht" präzise für den 15. Mai zwischen zwei und vier Uhr früh. Ein Teil der Bevölkerung floh ins Landesinnere. Die Gerüchteküche brodelte. Noch schlimmer wurde die Stimmung durch den schnellen militärischen Sieg der Deutschen über Frankreich. Zwar stellte sich der Aufmarsch gegen die Schweiz als taktisches Täuschungsmanöver der Wehrmacht heraus, der gefürchtete Einmarsch fand nicht statt. Aber das. Land war von den "Achsenmächten" umstellt und wirtschaftlich von der übrigen Welt abgeschnitten.

Unter den Eidgenossen entstand der Eindruck einer "weltgeschichtlichen Zeitenwende". Eine Art "Hitler-Mythos dämmerte auf". Hitler erschien manchen als "Überwinder des Kapitalismus". Unzufriedenen war bald die Redewendung "Bei Hitler käme so etwas nicht vor" geläufig. Und sogar Kritik am Parlament, von Lenin wie von Hitler als "Schwatzbude" verhöhnt, gewann in der Schweiz an Boden. "Eine starke, zur Führung fähige Regierung" erschien nun auch dort "breiten Volkskreisen" wünschenswert, und jede liberale Wirtschaftsordnung galt als überholt.

Die schweizerische Regierung, der "Bundesrat", taktierte in dieser Situation mit aller Vorsicht. Sie widerstand einigem Druck des beängstigenden deutschen Nachbarn. Aber sie gab auch nach. David Frankfurter, den Mörder Wilhelm Gustloffs, des deutschen Leiters der NS-Landesgruppe Schweiz, lieferte sie nicht an Hitler-Deutschland aus, sondern begnadigte den Attentäter gleich nach Kriegsschluß. Trotz einer erpresserischen Kohle-Blockade durch das NS-Reich ließ sie sich nicht in den Wirtschaftsblock der Achsenmächte einbeziehen. Aber sie hob am 18. Oktober 1940 das Verbot von NSDAP-Organisationen in der Schweiz (vom 18. 2. 36) wieder auf, durch einen nichtöffentlichen Beschluß, also heimlich.

Alles das weiß man inzwischen aus Quellen, die während der letzten Jahre im Lande selbst publiziert worden sind, Man weiß, daß schon vor Kriegsbeginn keineswegs jeder jüdische Deutsche, der einwandern wollte, Zuflucht in der Schweiz fand. Mancher Reiche entkam dem KZ-Tod durch ein Nadelöhr, das arme Leute nicht durchließ. Und in einer eigenen Veröffentlichung räumte die Schweizer Nationalbank kürzlich ein, für Hitlers Rüstungswirtschaft hochwichtige Devisen bereitgestellt zu haben, und zwar gegen Gold, das deutschen Juden abgenommen worden war – auch noch im Konzentrationslager.

Schweizer Banker werfen sich da "eine für das Jahr 1944 schwerverständliche Gutgläubigkeit" vor. Sie hätten wissen müssen, daß es bei den plötzlich so hohen Goldreserven der deutschen Reichsbank nicht mit rechten Dingen zugehen konnte. Doch dieses Goldgeschäft – so hieß es um September 1983 bei einem Historiker-Treffen zeu Neuenburg und Bern – ermöglichte der Schweizer Nationalbank, durch Goldverkäufe auf dem Binnenmarkt die Inflation einzudämmen. Das Hemd war auch da näher als der Rock.

Aber nicht die bedrängte, vielschichtig doch abhängige Neutralität der Schweiz als Nachbar des mörderischen NS-Reiches deutscher Nation beschreibt das Buch von Charles Lewinsky und Doris Morf. Vielmehr stellen die beiden eidgenössischen Autoren die Fikton auf, Hitlers Wehrmacht wäre im Mai 1940 tatsächlich in die Schweiz einmarschiert und hätte deren "deutschen Teil" ins Reich "heimgeführt".

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Der scharfe Witz dieser Darstellung liegt darin, daß so getan wird, als sei es so wirklich gewesen. "Historische Anmerkungen" überzeugen den Leser noch zusätzlich mit "Literaturhinweisen". Ein Beispiel: "Beziehungen zwischen Schweizerinnen und deutschen Soldaten waren während des Krieges häufig, gerade wegen der sprachlichen und kulturellen Nähe der deutschen Soldaten, wurden aber von Schweizern, die mit dem Widerstand sympathisierten, als Verrat angesehen. Dies führte immer wieder zu handgreiflichen Bestrafungsaktionen und nach Kriegsende zu Denunziationen, die oft viel gravierendere Folgen hatten, als der im Interview geschilderte Fall. Vgl. dazu: E. Noll, Landesverräterinnen?, Bern 1957."

"Hitler auf dem Rütli" besteht vor allem aus 48 fiktiven Interviews, in denen die angeblich Befragten aus ihrer Erinnerung an die "Anschlußzeit" allerlei Geschichten hervorkramen. Sie ergeben zusammen ein ähnlich allzumenschliches Bild, wie es auf jedes Volk in vergleichbarer Situation passen könnte: eine Mischung aus Opfern, Opportunisten, Widerständlern und Sichdurchwurstlern, weil die Verhältnisse nicht so waren, wie sie hätten sein sollen. Nur waren sie ja in Wirklichkeit etwas anders, weil die Schweiz eben nicht besetzt war. Und diese schwarze Katze lassen die Autoren, die selbst erst nach dem Krieg geboren sind, zum Schluß denn auch aus dem Sack.

Nachdem sie haben durchblicken lassen, daß mancher ihrer fiktiven Helden und Unhelden sich in der Realität vor der "deutschen Besetzung" und danach auch nicht besser verhalten hat und verhält, endet das letzte Interview mit der heimtückischen Frage: "Was wäre, wenn der Hitler damals nicht gekommen wäre?" und der gezielt ironischen Antwort darauf: "... dann hätten wir das Rettungsboot Europas werden können. Wir hätten alle Flüchtlinge aufgenommen, die Verfolgten und die Juden. Dann könnten wir jetzt stolz sein auf jene Jahre und müßten uns nicht immer damit herausreden, daß die anderen eben stärker waren als wir."

Fraglos läßt sich auch die tatsächliche Situation der Schweiz von damals komplizierter beurteilen. Aber der moralische Anspruch Nachgeborener bleibt eine wichtige Hilfe für die Zukunft – zumindest als schöne Hoffnung auf einen besseren Durchschnittsmenschen, der sich nicht mehr immer wieder herausreden muß. Gerd Klepzig