Der scharfe Witz dieser Darstellung liegt darin, daß so getan wird, als sei es so wirklich gewesen. "Historische Anmerkungen" überzeugen den Leser noch zusätzlich mit "Literaturhinweisen". Ein Beispiel: "Beziehungen zwischen Schweizerinnen und deutschen Soldaten waren während des Krieges häufig, gerade wegen der sprachlichen und kulturellen Nähe der deutschen Soldaten, wurden aber von Schweizern, die mit dem Widerstand sympathisierten, als Verrat angesehen. Dies führte immer wieder zu handgreiflichen Bestrafungsaktionen und nach Kriegsende zu Denunziationen, die oft viel gravierendere Folgen hatten, als der im Interview geschilderte Fall. Vgl. dazu: E. Noll, Landesverräterinnen?, Bern 1957."

"Hitler auf dem Rütli" besteht vor allem aus 48 fiktiven Interviews, in denen die angeblich Befragten aus ihrer Erinnerung an die "Anschlußzeit" allerlei Geschichten hervorkramen. Sie ergeben zusammen ein ähnlich allzumenschliches Bild, wie es auf jedes Volk in vergleichbarer Situation passen könnte: eine Mischung aus Opfern, Opportunisten, Widerständlern und Sichdurchwurstlern, weil die Verhältnisse nicht so waren, wie sie hätten sein sollen. Nur waren sie ja in Wirklichkeit etwas anders, weil die Schweiz eben nicht besetzt war. Und diese schwarze Katze lassen die Autoren, die selbst erst nach dem Krieg geboren sind, zum Schluß denn auch aus dem Sack.

Nachdem sie haben durchblicken lassen, daß mancher ihrer fiktiven Helden und Unhelden sich in der Realität vor der "deutschen Besetzung" und danach auch nicht besser verhalten hat und verhält, endet das letzte Interview mit der heimtückischen Frage: "Was wäre, wenn der Hitler damals nicht gekommen wäre?" und der gezielt ironischen Antwort darauf: "... dann hätten wir das Rettungsboot Europas werden können. Wir hätten alle Flüchtlinge aufgenommen, die Verfolgten und die Juden. Dann könnten wir jetzt stolz sein auf jene Jahre und müßten uns nicht immer damit herausreden, daß die anderen eben stärker waren als wir."

Fraglos läßt sich auch die tatsächliche Situation der Schweiz von damals komplizierter beurteilen. Aber der moralische Anspruch Nachgeborener bleibt eine wichtige Hilfe für die Zukunft – zumindest als schöne Hoffnung auf einen besseren Durchschnittsmenschen, der sich nicht mehr immer wieder herausreden muß. Gerd Klepzig